Pierre Rode

24 Caprices für Violine solo

hg. von Norbert Gertsch

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle
erschienen in: das Orchester 11/2020 , Seite 63

Pierre Rode prägte zusammen mit Pierre Baillot und Rodolphe Kreutzer im neu gegründeten Pariser Conservatoire um 1800 entscheidend die französische Violinschule. Er begeisterte bereits sechzehnjährig das Pariser Publikum, wurde mit 21 Professor und seine Konzertreisen führten ihn nach England, Spanien, Deutschland und Russland, wo er Sologeiger des Zaren war. Seine 24 Caprices verbinden Pädagogik mit der Freude an Virtuosität. Diese Virtuosität war nicht allein technischer Natur, sondern betraf auch das Spiel mit Emotionen, was sich vor allem in den langsamen Einleitungen zeigt.
Die Urtextausgabe von Rodes Caprices ist sehr zu begrüßen; denn heute hat sich die Erkenntnis allgemein durchgesetzt, dass auch die Violinpädagogik historisches Wissen über die Spielpraxis einbeziehen muss. Die Grundlage dafür ist ein Notenmaterial, das den ursprünglichen Text zur Verfügung stellt. Die von Norbert Gertsch betreute Ausgabe informiert mit der beim Henle-Verlag zum Markenzeichen gewordenen wissenschaftlichen Akribie über die Quellen. Sie stützt sich vor allem auf den revidierten Nachdruck der Erstausgabe von 1822. Rode fügte nach der Erstausgabe von 1819 viele Änderungen hinzu, komponierte einige Stellen neu und änderte Fingersätze und Strichbezeichnungen. Dieser Arbeitsprozess kam mit der revidierten Ausgabe zu einem Abschluss, weshalb sie sinnvollerweise als primäre Quelle für die Urtextausgabe herangezogen wurde.
Als instrumentaler Fachberater wirkte der Geiger Friedemann Eichhorn mit, der an einigen Stellen Vorschläge für Fingersätze und Bogenstriche aus heutiger Sicht macht. Diese sind von Rodes Einzeichnungen durch einen grauen Druck eindeutig abgesetzt. Eichhorn gibt außerdem zu jeder Caprice eine kurze Einordnung ihrer pädagogischen Zielrichtung, was den Einsatz im Studium erleichtert. Diese Hinweise sind erfreulicherweise dezent angebracht, sodass Rodes Strichbezeichnungen, Fingersätze und technische Anmerkungen im Vordergrund stehen.
Diese sind eine wahre Fundgrube, um die Aufführungspraxis virtuoser Violinmusik im 19. Jahrhundert zu studieren. Rode muss ein Bogenakrobat gewesen sein, wenn es ihm gelang, 24 Sechzehntelnoten mit einem Bogenstrich klangschön zu spielen wie z. B. in der 3. Caprice. Dabei verbindet er dieses Legato noch mit Crescendo und Decrescendo. Dann gibt es Etüden mit einem flexiblen Wechsel vom Détaché, Martelé, Spiccato bis zum Collé. Die linke Hand fordert Rode durch Lagenwechsel in schwierigsten Positionen und durch extreme Tonarten wie Ges-Dur oder gis-Moll heraus.
So sind diese Caprices Etüden für das Training der Technik, aber zugleich auch Konzertstücke. Um das Umblättern zu ersparen, verwendet Henle bei den drei Seiten umfassenden Kompositionen ausklappbare Seiten. Diese vorbildliche Edition verbindet also wissenschaftliche Akribie mit dem Wissen um die Anforderungen der pädagogischen und spielerischen Praxis.
Franzpeter Messmer