Johannes Steinbauer

2020

Solo Trilogy for Vibraphone and Percussion

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Edition Svitzer
erschienen in: das Orchester 6/2022 , Seite 71

2020? Da war doch was…Bereits am Anfang des Jahres gab es bes­timmte Ahnun­gen. Irgend­wo in der Atmo­sphäre war die Krise bere­its zu spüren und mehr als ein Jahr später ist die Regen­er­a­tion immer noch nicht voll­ständig abgeschlossen.
Ich spreche von der Pan­demie – und genau in der und für sie hat der Schlagzeuger und neuerd­ings auch Kom­pon­ist Johannes Stein­bauer seine abstrak­te Pro­gram­m­musik 2020 für Vibra­fon solo mit Zusatzin­stru­menten geschrieben. Die jew­eils unge­fähr acht Minuten lan­gen Teile der Trilo­gie tra­gen die Titel „Atmo­sphären“, „Kri­sis“ und „Regen­er­a­tion“, die Musik dazu ist frei assoziierend.
Über einem Glis­san­dotep­pich schweben in „Atmo­sphären“ mit dem Bogen gestrich­ene Einzeltöne des Vibra­fons wie Aerosole molto lento e sferi­co ein, bevor der Satz mit ein­er Impro­vi­sa­tion auf dem gut mit den Vibra­fon­klän­gen har­mon­isieren­den Water­phone been­det wird. Das Water­phone beste­ht aus einem mit Wass­er gefüll­ten Met­al­lkör­p­er, auf dem unter­schiedlich lange Met­all­stäbe angeschweißt sind. Wer­den diese mit einem Bogen angestrichen, ändern sich mit der Bewe­gung des Wassers die Tonhöhen.
In der drama­tisch rhyth­mis­chen „Kri­sis“ kom­men weit­ere Extrain­stru­mente zum Ein­satz, z.B. Tom-Toms und Bon­gos, chi­ne­sis­che Beck­en und – wo startete die Pan­demie? – Gongs aus der chi­ne­sis­chen Prov­inz Wuhan. Als abschließen­der Satz sorgt die „Regen­er­a­tion“ für Entspan­nung. Ein sich schlicht-tonal entwick­el­ndes Andante rif­lessi­vo wird ger­ahmt durch eine die Trilo­gie schließende Rainmaker-Meditation.
Musik und Coro­na, das ist mit­tler­weile eine lange Geschichte, der Johannes Stein­bauer mit sein­er Kom­po­si­tion­stätigkeit eine inter­es­sante Facette hinzuge­fügt hat. Haupt­beru­flich ist Stein­bauer erster Schlagzeuger beim WDR Sin­fonieorch­ester in Köln, vor der Pan­demie hat­te er nur einige Etü­den für Snare Drum geschrieben. In den coro­n­abe­d­ingt dien­st­freien Wochen und Monat­en fand er aber offen­sichtlich großes Vergnü­gen an der Inten­sivierung sein­er kom­pos­i­torischen Tätigkeit. Im Sog seines bish­eri­gen Opus mag­num 2020 schrieb Stein­bauer einige weit­ere Vibra­fon- und Per­cus­sion­stücke und baute sich seine eigene Home­page: charakter-etueden.de. Dort stellt er seine neue Pas­sion nun auch als Ver­leger sein­er selb­st mit kurzen Werkbeschrei­bun­gen und von ihm gespiel­ten Videos der geneigten Öffentlichkeit vor.
Aber nicht nur Stein­bauer, son­dern auch sein Schlagzeugkol­lege Johannes Wip­per­mann und die Pro­duk­tion­s­abteilung des WDR hat­ten in der Pan­demie Kapaz­itäten frei und Lust auf Neues. Gemein­sam pro­duzierten sie ein ansprechen­des Musikvideo von 2020, das dauer­haft auf der Inter­net­seite des WDR zu find­en ist.
Zum guten Schluss wurde 2020 im Jahr 2021 in das Pro­gramm der auf Schlagzeug­musik spezial­isierten dänis­chen Edi­tion Svitzer aufgenom­men und liegt jet­zt in ein­er gut gemacht­en, hochw­er­ti­gen und ansprechen­den Aus­gabe zum Nach­spie­len vor.
Atmo­sphäre, Krise, Regen­er­a­tion – und ein Hap­py End.
Stephan Froleyks