Marcabru, Tibaut de Champagne, Farabi und andere

1219 – The Saint and the Sultan

Pera Ensemble, Ltg. Mehmet Cemal Yes¸ilçay

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 69

1219. Achthun­dert Jahre ist es her, dass der berühmte Mönch und Gelehrte, der später von der katholis­chen Kirche heiligge­sproch­ene Franz von Assisi, mit dem islamis­chen Sul­tan Al Malik im unterä­gyp­tis­chen Dami­ette zusam­men­traf. Diese Begeg­nung ist his­torisch belegt und lässt sich in den Zusam­men­hang des drit­ten Kreuz­zugs einord­nen.
Über­liefert ist Franziskus’ Entset­zen über die Gräueltat­en der Kreuz­fahrer bei der Ein­nahme von Dami­ette, bei der etwa 100000 Men­schen zu Tode gekom­men sind. Während der Kriegshand­lun­gen durch­brach Franz von Assisi die Poli­tik des gewalt­samen Gegeneinan­ders, um vor dem Sul­tan zu predi­gen und den Krieg durch Überzeu­gungskraft zu been­den. Der Sul­tan ließ sich zwar nicht zum Chris­ten­tum bekehren, war aber von dem wie ein Sufi gek­lei­de­ten Mann aus Ital­ien sichtlich beein­druckt. Franziskus forderte für die Zukun­ft eine fried­fer­tige Präsenz von Chris­ten gegenüber dem Islam und set­zte sich damit für einen Reli­gions- und Kul­tur­dia­log ein.
Ihn zu doku­men­tieren und in unruhi­gen Zeit­en wiederzubeleben, hat sich das Istan­buler Pera Ensem­ble zur Auf­gabe gemacht und eine Dop­pel-CD mit geistlich­er Musik bei­der Reli­gio­nen, so wie sie etwa am Hof des Staufer­kaisers Friedrich II. in Paler­mo gepflegt wor­den ist, her­aus­gegeben.
Dem Ausspruch des islamis­chen Mys­tik­ers Rumi „Musik ist die Sprache Gottes“ gemäß wer­den mys­tis­che Sufil­ieder für den Frieden und Lau­den aus der sakralen Musik des Chris­ten­tums nebeneinan­der gestellt. Im Ergeb­nis ist großen­teils eine Ähn­lichkeit im Klang­bild bis in die Einzel­heit­en der orna­men­tal­en Melodieführung zu bestaunen, etwa in dem Beispiel Has­bi Rabi Celal­lah und dem auf der ersten CD fol­gen­den und aus der toskanis­chen Stadt Cor­tona stam­menden Lau­dar Vol­lio. Die Laute als zen­trales Instru­ment der Zeit find­et, mit den Kreuz­fahrern aus dem Nahen Osten kom­mend, auch in Süd- und Wes­teu­ropa ihren Platz. Entsprechend wird man zu einem Ver­gle­ich etwa der Ins­tu­men­ta­tion und tänz­erischen Rhyth­mik der Sufil­ieder Entel Hadi Entel Hak und Talaal Badru Aley­na mit der Lau­da Sia Lauda­to ein­ge­laden, im 13. Jahrhun­dert aufge­führt jew­eils bei Ver­samm­lun­gen der Der­wis­che bzw. von christlichen Gläu­bi­gen in Kirchen und Klöstern. Immer wieder regt die Zusam­men­stel­lung der Stücke auf bei­den CDs zu erstaunlichen Erfahrun­gen von Par­al­lelitäten an.
Musik fungierte aber auch als Pro­pa­gandain­stru­ment. Als ein­drück­lich­es Beispiel dafür wird an den Anfang der ersten CD das Kreuz­zugslied „Deus lo vult“ („Gott will es“) des aus der franzö­sis­chen Gascogne stam­menden Mar­cabru gestellt. Der Ini­tia­tor der Kreuz­züge Papst Urban hatte1095 diese Losung aus­gegeben.
Im aus­führlichen und ansprechend bebilderten zweis­prachi­gen (deutsch/ englisch) Book­let ist jedes Stück aus­führlich und detail­liert beschrieben, Kom­mentare zur Auf­führung­sprax­is sowie zur Stel­lung von Musik im Chris­ten­tum und dem sufis­chen Islam kom­men ergänzend hinzu.
Sowohl die musikalis­che Aus­führung durch das Pera Ensem­ble als auch die tech­nis­che Qual­ität der Auf­nahme befind­en sich auf höch­stem Niveau.
Karim Has­san