Oliver Buslau

111 Opernhighlights, die man kennen muss

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Emons,
erschienen in: das Orchester 05/2021 , Seite 72

Theodor W. Adorno hielt 1965 seinen berühmten Radiovor­trag Schöne Stellen, in dem er auf unver­wech­sel­bare Art seine Dis­tanzierung, man kann sog­ar sagen Abnei­gung den­jeni­gen gegenüber zum Aus­druck brachte, die nicht anders kön­nen, als „schöne Stellen“ zu kon­sum­ieren und kuli­nar­isch von ihnen zu schwär­men. „Die atom­istis­che Ver­hal­tensweise geht über ins nat­u­ral­is­tisch-sinnliche, schmeck­ende Vergnü­gen, die Entkun­stung der Kunst.“

Fün­fund­fün­fzig Jahre später hat die Kul­turindus­trie ganze Arbeit geleis­tet. Nur noch aus­ge­sproch­ene Asketen unter den Musikhör­ern verzicht­en auf diesen beson­deren Genuss, den ger­ade das Musik­the­ater in Hülle und Fülle zu bieten hat. Ob nun die „Cas­ta Diva“ von Belli­ni, „Ombra mai fu“ von Hän­del, „Sum­mer­time“ von Gersh­win oder das Vor­spiel zu Tris­tan und Isol­de von Wag­n­er, all diese „schö­nen Stellen“ sind in dem vor­liegen­den Nav­i­ga­tor durch die Welt des Musik­the­aters versammelt.

Das Buch präsen­tiert sie und die Geschicht­en dahin­ter. Dabei wer­den die Werke, denen die Beispiele ent­nom­men sind, epochenüber­greifend abge­han­delt, alpha­betisch nach Kom­pon­is­ten­na­men geord­net. Jedes Beispiel wird auf ein­er Dop­pel­seite dargestellt: Die eine Seite zeigt eine passende Abbil­dung und die wichtig­sten Dat­en zum Werk, die andere Seite bein­hal­tet einen erläutern­den Text zur aus­gewählten Stelle.

Auch wenn Richard Wag­n­er neun­mal und Mozart sechs­mal vertreten sind, bringt es die Fülle der Beispiele mit sich, dass nicht auss­chließlich eingängige und pop­uläre Werke vorgestellt wer­den. Die Ouvertüre zu Bernd Alois Zim­mer­manns Oper Die Sol­dat­en gehört

zu diesen Aus­nah­men, die dem Kon­sumenten „schön­er Stellen“ einiges zumutet, ihn aber auch anre­gen soll, über den eige­nen all­t­agsäs­thetis­chen Teller­rand hinauszuhören.

Anson­sten holt der Autor seine Leser dort ab, wo er sie ver­mutet und wo sie sich wohl auch bish­er ver­bor­gen haben. So weist er in seinem Vor­wort auf Warteschleifen­musik, Werbespots, Film­musik­tracks, Klin­geltöne und Pop­musik-Adap­tio­nen hin, die vor Anlei­hen aus der Opern­musik nur so strotzen würden.

Das trifft prinzip­iell zwar zu, solche Bemerkun­gen ver­lei­hen dem Band aber auch etwas Reißerisches, was dem oben zitierten Adorno zuwider gewe­sen wäre. In fün­fund­fün­fzig Jahren hat sich eben viel verändert.

Der dig­i­tal ver­net­zte Leser wird hier eben­falls ange­sprochen: Ein QR-Code führt zu ein­er Playlist auf ein­er weit ver­bre­it­eten Musik­plat­tform. Sie enthält die passende Auf­nahme, bar­ri­ere­frei und vorgekostet, nach dem Mot­to „Nur das Beste ist gut genug“. Gerne hätte man erfahren, nach welchen Gesicht­spunk­ten die Playlist zusam­mengestellt wor­den ist.

Der Band ist sicher­lich ziel­grup­pen­ge­nau feinge­tuned. Er gehört schließlich in eine Ver­lagsrei­he, in der auch 111 Whiskys besprochen wer­den, die man getrunk­en haben müsse. Mehr kon­nte der Autor unter diesen Umstän­den nicht herausholen.

Karim Has­san