Eckehard Czucka/Sascha Wienhausen (Hg.)

100 Jahre Instrumental- und Vokalpädagogik in Osnabrück 1919–2019

2 Bde., im Schuber

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rasch
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 65

Ob „Städtis­ches Kon­ser­va­to­ri­um“, „Städtis­ches Musikschul­w­erk“ oder – nach struk­tureller Neuaus­rich­tung – Fach­hochschule: Die Beze­ich­nun­gen der Insti­tu­tion mögen wech­seln, ihre Auf­gabe bleibt, näm­lich die der Ver­mit­tlung lebendi­gen Musizierens im weitesten Sinn.
Eine Auf­gabe, der sich das (heutige) Insti­tut für Musik (IfM) als eine der fünf Fakultäten der Hochschule Osnabrück seit hun­dert Jahren inten­siv wid­met. Diese hun­dert Jahre wur­den in 2019 aus­giebig gefeiert und Ende 2019 erschien eine zweibändi­ge Jubiläumss­chrift. Ein­er­seits mit zu erwartenden Beiträ­gen zur wech­selvollen Geschichte, die sich erfreulicher­weise auch aus­giebig mit der Zeit während der Nazi-Dik­tatur beschäfti­gen.
Ander­er­seits küm­mern sich weit­ere Auf­sätze um Gegen­wart und Zukun­ft dessen, was den Hochschul­stan­dort Osnabrück beson­ders ausze­ich­net: die Stu­di­engänge Pop, Jazz, Musi­cal und Klas­sik. So ver­weist Bar­bara Horn­berg­er auf die bre­it angelegten Kom­pe­ten­zen der Absol­ven­ten der Pop-Stu­di­engänge, die nicht im akademis­chen Elfen­bein­turm leben, son­dern sich dur­chaus mit kom­merziellen Mark­t­struk­turen und aktuellen kün­st­lerischen Strö­mungen an der Basis ausken­nen und an deren Entwick­lung mitar­beit­en. Har­ald Kisiedu macht am Beispiel des Jazzmusik­ers Peter Brötz­mann deut­lich, wie Gren­züber­schre­itun­gen schon vor mehr als fün­fzig Jahren interkul­turelle Begeg­nun­gen ermöglicht und gefördert haben.
Die „Meta­mor­pho­sen der Musi­cal­szene“ skizziert Kevin Clarke, der sich (zu Recht) über ein Revival jen­er Musi­cals und auch Operetten freut, die viel zu lang in der Versenkung ver­schwun­den waren und deren gesellschaft­spoli­tis­chen Hin­ter­gründe heute (wieder) in neuem Licht erscheinen. Lena Hasel­mann macht sich Gedanken um Ver­gan­gen­heit und Zukun­ft ein­er guten Vokalpäd­a­gogik mit den Mit­teln und unter Berück­sich­ti­gung der Erfordernisse des 21. Jahrhun­derts. Silke Lehmann schließlich beschreibt die Her­aus­forderun­gen, der sich die Ele­mentare Musikpäd­a­gogik angesichts der demografis­chen Entwick­lung, also des zunehmend steigen­den Leben­salters zu stellen hat, will sie Men­schen im hohen Alter das Musizieren als Möglichkeit der Iden­titätss­tiftung anbi­eten. So viel zu diesem höchst infor­ma­tiv­en und anre­gend zu lesenden Band 1 der Festschrift.
Band 2 ist ein enorm wertvolles Zeit­doku­ment aus dem Som­mer 1941, in dem die „Osnabrück­er Spielschar“ mit rund 30 Kindern zur Trup­pen­be­treu­ung nach Frankre­ich geschickt wurde, wo die deutschen Sol­dat­en „bei Laune“ zu hal­ten waren. Gertrud Siebel hat es als damals 17-Jährige ver­fasst, nicht für sich per­sön­lich, son­dern für die Gruppe. Und mit 94 Jahren hat die Ver­fasserin ihren Erleb­nis­bericht 2018 völ­lig über­raschend dem Insti­tut für Musik zukom­men lassen. Man muss wis­sen: Ein­blicke in das Tun der­ar­tiger „Spielscharen“ sind sel­ten. Und hier sind sie authen­tisch – eine Fund­grube für His­torik­er, Musik­wis­senschaftler und alle, die auf diesem Gebi­et forschen.
Christoph Schulte im Walde