Reinhard Piechocki

„Unter Blumen eingesenkte Kanonen“

Chopins Musik in dunkler Zeit (1933-1945)

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Staccato
erschienen in: das Orchester 12/2017 , Seite 57

„Eben hörte ich Hitler 45 Minuten sprechen. Bin tief erschüt­tert. […] Das ist Wahrheit ein­er tief empfind­en­den und ent­flammten Men­schenseele. Hitler sprach mir aus der Seele über die Kun­st.“ Diese Zeilen der deutschen Pianistin Elly Ney (1882–1868) von 1933 befrem­den auch heute noch. Wie auch andere Kün­stler ließ sie sich bere­itwillig in die NS-Pro­pa­gan­da und deren Welt­bild einspan­nen. Jedoch: Als sie Anfang 1939 in Dres­den ein Chopin-Stück wegen ihrer nun strikt antipol­nis­chen Hal­tung nicht spie­len wollte, protestierte das Pub­likum. So „rat­terte sie den großen As-Dur-Walz­er nur so runter“, erin­nert sich Mar­tin Walser.
Solche und viele andere Episo­den find­en sich in Rein­hard Piechock­is neuem Buch. Darin doku­men­tiert ist die Rezep­tion der Musik Frédéric Chopins in Nazi-Deutsch­land, aber auch im deutsch beset­zten Polen sowie in den Konzen­tra­tionslagern. Zu Beginn der Nazi-Herrschaft war die deutsche Regierung ja bemüht, Polen gegen Rus­s­land mit ins Boot zu holen – es gab sog­ar eine Koop­er­a­tion zwis­chen pol­nis­chen und deutschen Rund­funkanstal­ten bei Chopin-Ausstrahlun­gen. Als Pro­pa­gandafig­ur war Chopin willkom­men. Dessen musikalis­ch­er Kampf gegen die schlach­t­en­den rus­sis­chen Unter­drück­er 1830/31 wurde im Pro­pa­gandafilm Abschiedswalz­er (1934) medi­en­tauglich insze­niert. Doch zur deutsch-pol­nis­chen Ver­brüderung kam es nicht. Deutsch­land fiel in Polen ein und sprengte 1940 das Chopin-Denkmal in Warschau.
Doch anders als im Fall Mendelssohn – dessen Denkmal-Zer­störun­gen in Leipzig und Düs­sel­dorf mit einem absoluten Boykott sein­er Werke ein­hergin­gen – war Chopins Mu­sik selb­st nach dem Polen­feldzug in deutschen Konz­ert­sälen weit­er­hin beliebt, unter­mauert Piechoc­ki. In der Sai­son 1940/41 wur­den 117 Chopin-Werke 331 mal gespielt! 1941/42 wurde das sog­ar noch gesteigert. Offen­bar waren seine Werke im Reper­toire und in der Pub­likums­gun­st so fest ver­ankert, dass sie jed­er Pro­pa­gan­da trotzten – auch wenn das Kopfthe­ma der As-Dur-Polon­aise zugle­ich zum Erken­nungsze­ichen des pol­nis­chen Wider­stands wurde.
So ist es nur schlüs­sig, dass der Autor auch die Begeg­nung des halb ver­hungerten pol­nisch-jüdis­chen Pianis­ten Wla­dys­law Szpil­man mit dem deutschen Offizier Wilm Hosen­feld in Warschau schildert. Die Szene wurde durch den Polan­s­ki-Film Der Pianist (2002) welt­berühmt. Wie Szpil­man in sein­er Auto­bi­ografie berichtete, spielte er aber nicht die g-Moll-Bal­lade (wie im Film), son­dern Chopins cis-Moll-Noc­turne.
Das in 24 kurze Kapi­tel eingeteilte Buch lässt sich gut peu à peu lesen oder als Nach­schlagew­erk benutzen, etwa wenn man sich an das Schick­sal des deutsch-nieder­ländis­chen Pianis­ten Karl­robert Kre­it­en erin­nern möchte. Ergreifend sind die Kapi­tel über die in Konzen­tra­tionslagern einges­per­rten Kün­stler wie die Pianistin Edith Kraus (1913–2013). Chopins Musik war auch Hoff­nung in dun­kler Zeit – auf pol­nis­ch­er wie auf deutsch­er Seite.
Matthias Corvin