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Saeed Kamali Dehghan (Übersetzung: Frauke Adrians)

In meinem Land ist die Musik eine Waise“

Die Dirigentin Nezhat Amiri kämpft im Iran gegen religiöse Tabus, kunst- und frauenfeindliche Gesetze

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 20

Ihr Auftritt war ein Meilen­stein in einem Land, in dessen Staats­fernse­hen schon das Zeigen von Musikin­stru­menten als Tabu gilt, in dem Frauen nicht solis­tisch sin­gen dür­fen und auf dessen Prov­inzbüh­nen Musik­erin­nen regelmäßig der Auftritt ver­wehrt wird.
„Von Anfang an bin ich gegen den Strom geschwom­men. Ich wurde nicht wahrgenom­men, die Gesellschaft hat kein­er­lei Anstren­gung unter­nom­men, meine Begabung zu fördern, und das herrschende Estab­lish­ment hat mir den Rück­en zugekehrt“, sagte die 57-Jährige im Gespräch mit dem Guardian. „Aber ich habe nicht aufgegeben, ich zeige, dass es einen Weg gibt und dass es immer einen Weg geben wird.“
An Nezhat Amiris Konz­ert im Rah­men des jährlich stat­tfind­en­den staatlichen Fajr-Musik­fes­ti­vals wirk­ten 55 Orch­ester­musik­er und ein 16-köp­figer Chor mit; bei­de Ensem­bles bestanden annäh­ernd zur Hälfte aus Frauen. Sie führten erst­mals drei Werke von Meis­tern der per­sis­chen Klas­sik auf, darunter ein Stück des leg­endären Kom­pon­is­ten Morteza Han­naneh. Das Ensem­ble, das den Namen Naghme-Baran trägt – „Die Melodie des Regens“ –, hat­te sechs Monate für das Konz­ert geprobt. Alle Musik­er arbeit­eten ohne Gage, eben­so wie die Diri­gentin.
Seit zwölf Jahren hat­te Nezhat Amiri kein so großes Konz­ert mehr geleit­et. Es fand im Jan­u­ar im Vah­dat-Audi­to­ri­um statt, das zur Zeit sein­er Ein­wei­hung, vor der islamis­chen Rev­o­lu­tion von 1979, zu den bestaus­ges­tat­teten mod­er­nen Opern­häusern der Welt zählte. Aber selb­st damals, als in Teheran noch viele Musik- und Tan­za­uf­führun­gen auf den Spielplä­nen standen, hat keine einzige Diri­gentin je die Bühne des Vah­dat betreten.

Ich ver­di­ene nicht mal so viel wie ein
Bauar­beit­er.

Amiris jüng­stes Konz­ert erregte im Iran beispiel­lose Aufmerk­samkeit. Auf der Titel­seite der reform­freudi­gen Tageszeitung Ghanoon erschien ein Inter­view mit der Diri­gentin, eines ihrer Zitate bildete die Schlagzeile: „Ich ver­di­ene nicht mal so viel wie ein Bauar­beit­er.“ Der staatliche englis­chsprachige Fernsehsender Press TV, der sich an ein aus­ländis­ches Pub­likum richtet, berichtete über den Auftritt der 57-Jähri­gen. Doch im heimis­chen Fernse­hen gel­ten die Restrik­tio­nen weit­er­hin. In einem sub­tilen Akt des Protests hat die Folkrock-Band „Pal­lett“ ein­mal ein pan­tomimis­ches Konz­ert ohne Instru­mente gegeben. Anders lässt sich die Zen­sur nicht umge­hen.
Nezhat Amiri hat an der Teheran­er Uni­ver­sität der Kün­ste ihren Mas­ter­ti­tel im Fach Kom­po­si­tion erwor­ben und bei dem berühmten Kom­pon­is­ten Parviz Man­souri studiert. Ihr Konz­ert, das nicht nur für sie selb­st von so großer Bedeu­tung ist, habe sie gebührend gefeiert, sagt sie. Doch über die Hür­den auf dem Weg dor­thin könne sie nicht schweigen. „Irgend­wann ermüdet man. Wie oft kann man an eine ver­schlossene Tür klopfen? Wie viele Jahre lang kann man still bleiben und seinen Kum­mer für sich behal­ten? Wenn Kum­mer öffentlich wird, braucht er auch öffentliche Heilung.

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