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Saeed Kamali Dehghan (Übersetzung: Frauke Adrians)

In meinem Land ist die Musik eine Waise“

Die Dirigentin Nezhat Amiri kämpft im Iran gegen religiöse Tabus, kunst- und frauenfeindliche Gesetze

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 20

Seit gut 38 Jahren gibt es die Islamische Republik Iran, seit gut 38 Jahren ist Nezhat Amiri Dirigentin. Die Anzahl ihrer öffentlichen Konzerte in dieser Zeit kann sie an den Fingern der Hand abzählen, die ihren Taktstock hält. Doch jetzt gelang ihr ein Durchbruch: Im renommiertesten Musiksaal Teherans leitete Amiri ein zweistündiges Konzert mit 71 Musikern.

Ihr Auftritt war ein Meilen­stein in einem Land, in dessen Staats­fernse­hen schon das Zeigen von Musikin­stru­menten als Tabu gilt, in dem Frauen nicht solis­tisch sin­gen dür­fen und auf dessen Prov­inzbüh­nen Musik­erin­nen regelmäßig der Auftritt ver­wehrt wird.
„Von Anfang an bin ich gegen den Strom geschwom­men. Ich wurde nicht wahrgenom­men, die Gesellschaft hat kein­er­lei Anstren­gung unter­nom­men, meine Begabung zu fördern, und das herrschende Estab­lish­ment hat mir den Rück­en zugekehrt“, sagte die 57-Jährige im Gespräch mit dem Guardian. „Aber ich habe nicht aufgegeben, ich zeige, dass es einen Weg gibt und dass es immer einen Weg geben wird.“
An Nezhat Amiris Konz­ert im Rah­men des jährlich stat­tfind­en­den staatlichen Fajr-Musik­fes­ti­vals wirk­ten 55 Orch­ester­musik­er und ein 16-köp­figer Chor mit; bei­de Ensem­bles bestanden annäh­ernd zur Hälfte aus Frauen. Sie führten erst­mals drei Werke von Meis­tern der per­sis­chen Klas­sik auf, darunter ein Stück des leg­endären Kom­pon­is­ten Morteza Han­naneh. Das Ensem­ble, das den Namen Naghme-Baran trägt – „Die Melodie des Regens“ –, hat­te sechs Monate für das Konz­ert geprobt. Alle Musik­er arbeit­eten ohne Gage, eben­so wie die Diri­gentin.
Seit zwölf Jahren hat­te Nezhat Amiri kein so großes Konz­ert mehr geleit­et. Es fand im Jan­u­ar im Vah­dat-Audi­to­ri­um statt, das zur Zeit sein­er Ein­wei­hung, vor der islamis­chen Rev­o­lu­tion von 1979, zu den bestaus­ges­tat­teten mod­er­nen Opern­häusern der Welt zählte. Aber selb­st damals, als in Teheran noch viele Musik- und Tan­za­uf­führun­gen auf den Spielplä­nen standen, hat keine einzige Diri­gentin je die Bühne des Vah­dat betreten.

Ich ver­di­ene nicht mal so viel wie ein
Bauar­beit­er.

Amiris jüng­stes Konz­ert erregte im Iran beispiel­lose Aufmerk­samkeit. Auf der Titel­seite der reform­freudi­gen Tageszeitung Ghanoon erschien ein Inter­view mit der Diri­gentin, eines ihrer Zitate bildete die Schlagzeile: „Ich ver­di­ene nicht mal so viel wie ein Bauar­beit­er.“ Der staatliche englis­chsprachige Fernsehsender Press TV, der sich an ein aus­ländis­ches Pub­likum richtet, berichtete über den Auftritt der 57-Jähri­gen. Doch im heimis­chen Fernse­hen gel­ten die Restrik­tio­nen weit­er­hin. In einem sub­tilen Akt des Protests hat die Folkrock-Band „Pal­lett“ ein­mal ein pan­tomimis­ches Konz­ert ohne Instru­mente gegeben. Anders lässt sich die Zen­sur nicht umge­hen.
Nezhat Amiri hat an der Teheran­er Uni­ver­sität der Kün­ste ihren Mas­ter­ti­tel im Fach Kom­po­si­tion erwor­ben und bei dem berühmten Kom­pon­is­ten Parviz Man­souri studiert. Ihr Konz­ert, das nicht nur für sie selb­st von so großer Bedeu­tung ist, habe sie gebührend gefeiert, sagt sie. Doch über die Hür­den auf dem Weg dor­thin könne sie nicht schweigen. „Irgend­wann ermüdet man. Wie oft kann man an eine ver­schlossene Tür klopfen? Wie viele Jahre lang kann man still bleiben und seinen Kum­mer für sich behal­ten? Wenn Kum­mer öffentlich wird, braucht er auch öffentliche Heilung.

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