Sarah Nemtsov

„dropped.drowned“

für großes Orchester, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ricordi
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 65

Sarah Nemtsov, preis­gekrönte deutsche Kom­pon­istin und Oboistin, Meis­ter­schü­lerin von Wal­ter Zim­mer­mann, war schon 2012 bei der Münch­en­er Bien­nale vertreten und hat Auf­führun­gen in Donaueschin­gen und Darm­stadt vorzuweisen. Sie set­zt sich inten­siv vor allem mit englis­chsprachiger Lit­er­atur auseinan­der, so auch in ihrem jüng­sten Werk, dem 17-minüti­gen Orch­ester­stück dropped. drowned, was über­set­zt etwa „versunken.ertrunken“ bedeutet.
Der Par­ti­tur voran ste­ht ein Zitat von Janet Frame aus der Nov­el­le Scent­ed gar­dens for the blind. Darin geht es um die Angst der Men­schen vor der Stille, die wie klares Wass­er jedes Hin­der­nis, über­tra­gen ver­flossene Worte und Gedanken, sofort erken­nen lasse, beson­ders die Kon­fronta­tion mit dem eige­nen Spiegel­bild ver­bre­ite Angst. Tiefenpsy­chol­o­gis­che, in poet­is­che Bilder gegossene Emo­tio­nen bilden also den inhaltlichen Hin­ter­grund der Kom­po­si­tion.
In der Musik ist allerd­ings Emo­tionalität zunächst sehr zurückgenom­men. Die Ästhetik ist ein­deutig der exper­i­mentellen Musik und Klangkom­po­si­tion zuzurech­nen. Teil­weise sind auch Ein­flüsse der Spek­tral­musik zu erken­nen, wenn ein einzel­ner Ton durch viele ober­ton­re­iche Klang­far­ben auskom­poniert ist. Die Wirkung bleibt dadurch weit­ge­hend abstrakt, for­mal fass­bare musikalis­che Ele­mente sind zunächst schw­er auszu­machen, den­noch lassen sich drei voneinan­der unab­hängige Abschnitte erken­nen.
Im etwa die zeitliche Hälfte umfassenden ersten Teil dominieren viele kle­ingliedrige rhyth­mis­che repet­i­tiv unregelmäßige Pat­tern, eine Vielzahl an Spiel­tech­niken und -effek­ten, Ver­stim­mungen, Mikro­tonal­ität ein­schließlich des sehr dif­fizil prä­pari­erten Klaviers, alles in der Dynamik noch zurück­hal­tend.
Im zweit­en Teil nehmen die dynamis­chen Kon­traste zu, die Musik wird struk­turell dichter und drama­tis­ch­er. Die bish­er aus­ges­parten Oboen und Trompe­ten, räum­lich getren­nt (Anweisung: ste­hen hin­ter dem Pub­likum oder seitlich einan­der gegenüber), treten in ins­ge­samt sieben Abschnit­ten hinzu, kom­biniert mit elek­tro­n­is­chen Zus­pielun­gen. Einzeltak­te wer­den nun öfters mehrmals (4–7 Mal) wieder­holt. Rhyth­mis­che bzw. motorische, teil­weise osti­nate Bewe­gungsmuster der Stre­ich­er, abwech­sel­nd zwis­chen Achtel- und punk­tiertem Achtelpuls, bilden den Höhep­unkt. Beson­ders ein am Ende dieses Abschnitts repetiert­er, durchge­hend im Abstrich gespiel­ter Akko­rd wirkt wie eine dezente Hom­mage an Straw­in­skys Le sacre du print­emps.
Die let­zten etwa zwei Minuten, sen­za misura über­schrieben, for­mal der dritte Teil, wer­den dynamisch wieder äußerst zurückgenom­men, an der Gren­ze zum Geräuschhaften, teil­weise impro­visatorisch, struk­turell mehr und mehr ver­wis­chend.
Ins­ge­samt beweist Nemtsov großes handw­erk­lich­es Kön­nen. Die Entwick­lung der Kom­po­si­tion von rein­er Abstrak­tion hin zu musikalisch konkreten und emo­tionalen Aus­sagen und wieder zurück hat dur­chaus Überzeu­gungskraft, auch wenn die rein klangäs­thetisch gear­beit­eten Pas­sagen einige Län­gen haben.
Kay West­er­mann