Ute Grundmann

Die Politik muss endlich etwas ändern“

Das Theater Eisleben leidet unter Kürzungen und an den Folgen verfehlter „Kulturwerk“-Pläne

Rubrik: Thema
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 16

Ulrich Fischer, seit fast 30 Jahren Intendant des Theaters Eisleben, erlebt und erleidet den kulturellen Abbau im ländlichen Raum seitdem mit. Trotzdem hofft er, dass Wert und Wichtigkeit der Kultur für die ganze Gesellschaft wieder mehr anerkannt werden.

Als ich hier anf­ing, zu Beginn der 1990er Jahre, gab es mehr als 200 Mitar­beit­er, heute sind es noch 40. 1993 wurde das Musik­the­ater abgeschafft, das Orch­ester und ein kleines Bal­lett, da waren wir noch 90 Leute. Heute gibt es am The­ater eine Schnei­derin, einen Maler, ei­nen Tis­chler, eine Anklei­derin, einen Req­ui­si­teur, zwei Beleuchter, zwei Ton­tech­niker.“ Krank wer­den darf da nie­mand und ein reg­ulär­er The­ater­be­trieb lässt sich nur aufrechter­hal­ten, wenn alle sich gegen­seit­ig helfen. Ulrich Fis­ch­er, seit 30 Jahren Inten­dant der 1956 als Thomas-Müntzer-The­ater eröffneten Bühne in Luther­stadt Eisleben, hat den Kul­tur­ab­bau im ländlichen Raum leib­haftig und lei­d­voll miter­lebt: „Irgend­was mit Geld war hier immer.“ Aber inzwis­chen sei man „so weit run­terg­erech­net, dass es nicht mehr geht“.
Hefti­gen Anteil daran hat­te Stephan Dorg­er­loh, damals Kul­tus­min­is­ter in Sach­sen-Anhalt. Mitte 2013 set­zte er in Halle und Dessau kräftig den Rot­s­tift an (jew­eils drei Mil­lio­nen Euro weniger), an die dama­lige Lan­des­bühne in Luther­stadt Eisleben ging er mit der Axt ran: von 1,278 Mil­lio­nen Euro Lan­des­förderung auf Null. Und die Bühne sollte nicht mehr sein, was sie immer war: Aus dem The­ater sollte das „Kul­tur­w­erk MSH“ (Mans­feld-Süd­harz) wer­den, irgend­was mit kul­tureller Bil­dung für Kinder und Jugendliche, so genau weiß das bis heute kein­er. Dafür garantierte das Land bis 2018 400000 Euro pro Jahr, allerd­ings aus dem Topf „Kul­turelle Bil­dung“. Aber man musste sich auch um einzelne Pro­jek­t­förderun­gen bemühen, zum The­ma Umwelt etwa, ein Bürokratieaufwand, für den es eigentlich einen eige­nen Mitar­beit­er brauchte, den man nicht hat­te.

Politiker hörten nicht zu

Die dama­li­gen Träger (der Land­kreis Mans­feld-Süd­harz, die Städte Eisleben und Hettst­edt) aber woll­ten ihr The­ater behal­ten, es gab Proteste in allen von den Kürzun­gen betrof­fe­nen Städten. Und die The­ater­men­schen bracht­en so viele Stim­men zusam­men, dass sie Red­erecht im Magde­burg­er Land­tag beka­men. Daran erin­nert sich Ulrich Fis­ch­er eher mit Grausen: „Unser Sprech­er hat das sehr schön gemacht, auch emo­tion­al. Aber wenn man dann in die Abge­ord­neten­ränge guck­te, waren die nicht da, waren wegge­gan­gen oder haben geschwatzt – die haben nicht mal zuge­hört. Da soll man dann den Glauben an die Demokratie behal­ten, dass es so wenig Wider­hall find­et, wenn jemand fordert, Kul­tur zu erhal­ten. Da wird’s einem wirk­lich übel.“ Für Ulrich Fis­ch­er ist das bis heute „ein trau­ma­tis­ches Erleb­nis“.

Aber so engagiert der Inten­dant und Regis­seur für sein Haus ist, guckt er natür­lich über den Büh­nen­rand hin­aus. Und da gibt es im Land­kreis Mans­feld-Süd­harz (MSH) „viele kleine Museen, wo es meist keinen Fach­mann mehr gibt, die zum Ster­ben zuviel und zum Leben zuwenig haben“. Als nur einige Beispiele nen­nt er das Mans­feld-Muse­um im Schloss Burgörn­er in Hettst­edt, das Car­o­line und Wil­helm von Hum­boldt gehörte, das Schloss in Ober­wieder­st­edt, wo Novalis geboren wurde, das Muse­um Molmer­swende, das an den Bal­laden­dichter Got­tfried August Bürg­er erin­nert. „Die sind alle chro­nisch unter­fi­nanziert, kön­nen keine neuen Ausstel­lun­gen machen.“ Deshalb sieht er es pos­i­tiv, dass der Land­kreis einen Muse­ums-Ver­bund gegrün­det hat, mit einem Experten, der sich um all die kleinen Museen küm­mert. Auch die gemein­samen Ver­anstal­tun­gen von Museen und The­ater brächt­en für bei­de Seit­en Gewinn, „und wenn wir in einem Ort eine kleine Freilicht­bühne ent­deck­en und dort eine Münch­hausen-Lesung machen, schließt sich da ein Dorffest an“. Natür­lich kom­men zu solchen Ver­anstal­tun­gen nicht hun­derte Besuch­er, „aber die haben alle ihr Stamm­pub­likum. Das sind so kleine Pflanzen, die man erhal­ten muss.“ Es gehe, nicht nur für sein The­ater, immer wieder darum, wahrgenom­men zu wer­den, „dass der Bürg­er sich freut und sagt, da kom­men die vom The­ater“.

Die Menschen wollen ihr eigenes Theater

Das sehen viele Poli­tik­er offen­bar anders, so die Erfahrung auch von Ulrich Fis­ch­er. „Man wird den Ein­druck nicht los, man hört es auch, dass Poli­tik­er sagen, sollen die Men­schen doch nach Halle ins The­ater fahren oder die Musik­lieb­haber nach Leipzig.“ Das werde aber nicht passieren, da gebe es viel Unwis­sen auf Seit­en der Poli­tik. Da dominiert häu­fig die Auf­fas­sung, im ländlichen Raum, in der soge­nan­nten Prov­inz, reiche ein Bespielthe­ater völ­lig aus, an dem mal ein Tourneethe­ater Sta­tion mache oder die Bühne ein­er größeren Stadt. „Es gibt Städte, wo das funk­tion­iert, aber nicht bei uns. Die Men­schen wollen ein eigenes, ihr Ensem­ble. Bei Gast­spie­len sinkt die Nach­frage sofort. Und das ganze Kinder- und Jugendthe­ater, nicht nur zu Wei­h­nacht­en, das kann kein­er einkaufen.“

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