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Ute Grundmann

Die Kultur muss raus aus ihren Häusern!“

Kultur auf dem Land kann Avantgarde sein: Im Gespräch mit dem Politiker Rüdiger Koch

Rubrik: Thema
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 06

Kul­tur als Zukun­ftspoten­zial“ – so lautet der Unter­ti­tel des Konzepts. Was macht Sie so zuver­sichtlich, dass Kul­tur das leis­ten kann?

Bish­er hat man die Bedeu­tung der Kul­tur vor allem über die Umwe­grentabil­ität berech­net, ihr also Bedeu­tung zugemessen, wenn sie sich rech­net. Das gilt auch für Koop­er­a­tio­nen mit der Wirtschaft. Das nur so zu begrün­den, ist aber falsch. Kul­tur­poli­tik ist über­haupt kein harm­los­es Poli­tik­feld, son­dern ein wichtiges, vielle­icht sog­ar das entschei­dende im Hin­blick auf unsere poli­tis­che und gesellschaftliche Ord­nung. Eine demokratis­che Kul­tur­poli­tik muss daher anstreben, zahlre­iche Orte zu schaf­fen, in denen Men­schen selb­st für sich definieren kön­nen, wie sie leben wollen. So kann Kul­tur­poli­tik auch als Men­tal­ität­spoli­tik ver­standen wer­den, als Kampf um die Köpfe und Herzen der Men­schen.

Kultur ist die Grundlage unserer Sozietät, nicht ein bloßes Angebot an die Gesellschaft.

Kul­tur ist die Grund­lage unser­er Sozi­etät, diese Dimen­sion wurde bish­er nicht hin­re­ichend beachtet. Sie ist die Grund­lage, nicht ein bloßes Ange­bot an die Gesellschaft. Wo ist die Stimme der Kul­tur im epochalen Verän­derung­sprozess, den wir erleben? Jet­zt hat das Nach­denken darüber hör­bar begonnen und da kommt auch der ländliche Raum mit in den Blick.

Warum braucht es Kul­turen­twick­lungskonzepte ger­ade für diesen ländlichen Raum?
Die Erar­beitung von Kul­turen­twick­lungskonzepten war in den zurück­liegen­den Jahrzehn­ten vor allem eine Angele­gen­heit der Großstädte oder bevölkerungsre­ichen Regio­nen. Kul­tur­poli­tik – als Gesellschaft­spoli­tik ver­standen – darf aber nicht zulassen, dass etwa die Hälfte unser­er Bevölkerung, die außer­halb der Bal­lungsräume lebt, mar­gin­al­isiert bleibt. Eine schrumpfende Bevölkerung, Armutsge­fälle, Über­al­terung betr­e­f­fen ger­ade im Osten Deutsch­lands die ländlichen Regio­nen. Ger­ade hier aber gibt es kul­turelle Schätze, die gar nicht richtig wahrgenom­men wer­den, auch weil in der Fläche das Per­son­al fehlt, diese zu zeigen und zu erläutern. Wenn man das ändern und bes­timmte Pro­jek­te auch real­isieren kann, kann der ländliche Raum zum inno­v­a­tiv­en Ort, sog­ar zur Avant­garde wer­den.

Es geht darum, bei der bisherigen Übermacht der Metropolen die Wertschätzung des Eigenen zu erhöhen und mehr ins Gespräch zu bringen.

Ich habe die Befürch­tung, wenn wir das nicht stärken, wer­den die Kul­tur-Iden­titären, die die Abschot­tung wollen mit ihrem „Wir haben die beste Kul­tur“, wer­den die Recht­spop­ulis­ten immer stärk­er. Deshalb ist es auch wichtig, einen Beitrag zum Diskurs zu leis­ten, ist es notwendig, die Erfahrun­gen über­re­gion­al zu disku­tieren, Anre­gun­gen zu geben und zu bekom­men. Dazu müssen wir die Men­schen mit­nehmen, überzeu­gen, damit solche Ideen und Konzepte auch wirk­lich umge­set­zt wer­den.

Wen muss man von der Wichtigkeit dieser Rolle der Kul­tur mehr überzeu­gen – die Poli­tik­er oder die Men­schen in der Region?
Bei­de. Es ist oft so, dass man das Eigene gar nicht so sieht; die Ver­luste im Nach­wen­de­bere­ich waren sehr emo­tion­al. Es geht aber darum, bei der bish­eri­gen Über­ma­cht der Metropolen die Wertschätzung des Eige­nen zu erhöhen und mehr ins Gespräch zu brin­gen. Vere­ine für sich sind dazu oft nicht in der Lage, auch weil sie dafür kein Per­son­al haben. Und der Kul­tur fehlt oft die Stimme in Gemein­deräten oder Kreista­gen. Da müssen wir Bewusst­sein in der Region schaf­fen und unter­stützen, das bet­rifft genau­so die Poli­tik: Eine Kul­tur­sprech­stunde ist ja nicht neu, aber sie ist eine Empfehlung von uns, um sich die Nöte und Her­aus­forderun­gen anzuhören und dann nach außen zu gehen.

Für das Konzept wur­den drei The­men – Kul­tur im Wan­del, Kul­tur und Bil­dung, Kul­tur und Kun­st – sowie Fra­gen der Finanzierung entwick­elt. Welche konkreten Maß­nah­men wer­den danach für den ländlichen Raum vorgeschla­gen?
Es gibt eine Vielzahl von Maß­nah­men, die sich kurz-, mit­tel- oder langfristig umset­zen lassen. Man kann „Leucht­türme“ für aus­gewählte Ziel­grup­pen entwick­eln, eine Tagungsrei­he „Kul­tur im ländlichen Raum“ starten, Ver­anstal­tun­gen an neuen und ungewöhn-
lichen Orten anbi­eten. Man sollte Ange­bote der Land­kreise mit der Lan­deswer­bung verknüpfen und die Indus­triekul­tur, an der die Region reich ist, stärk­er ver­mark­ten. Touris­tis­che Routen lassen sich bess­er „insze­nieren“, die Fremd­sprachenken­nt­nisse der Mitar­beit­er in Kul­turein­rich­tun­gen soll­ten verbessert wer­den. Es braucht Plat­tfor­men sowohl für die Kul­turträger der Region als auch für die För­der­möglichkeit­en, eine Inter­net-Daten­bank etwa. Die regionale Wirtschaft muss mehr ein­be­zo­gen, Net­zw­erke und Beratungsstellen geschaf­fen wer­den. Eine über­re­gionale Fach­ta­gung zur „Bedeu­tung kleiner­er The­ater­stan­dorte im ländlichen Raum“ gab es im Novem­ber 2017 in Eisleben. Ganz wichtig ist es, die Schulen einzubeziehen: mit Lehrerfort­bil­dun­gen und gen­er­a­tionsüber­greifend­en Ange­boten. „KinderKul­turTage“, „SchulKul­turTüte“ und ein „SchülerKul­turTick­et“ sind weit­ere Ideen. Inklu­sion und Bar­ri­ere­frei­heit sind eben­falls wichtige The­men.

Men­schen im ländlichen Raum fühlen sich oft abge­hängt, weil sie ohne Auto die näch­st­größere Stadt – und damit auch deren Kul­tur­ange­bot – nicht erre­ichen kön­nen. Haben Sie das auch so erlebt?
Es gibt schon Beispiele, wo das bess­er gelingt, aber es reicht noch nicht aus. Man müsste manch­es von der Stadt aufs Land über­tra­gen, die The­matik ist noch nicht zu Ende gedacht. Men­schen vere­in­samen, ziehen sich zurück, das Sin­gle­tum nimmt zu – wie sehen da die Antworten der Kul­tur aus? Die Kul­tur muss raus aus ihren Häusern, sie kann nicht nur ein Teil des Mark­tes sein, die poli­tis­che Stel­lung der Kul­tur als Grund­lage des Daseins muss erkan­nt wer­den. Und sie darf nicht nur für Intellek­tuelle da sein, son­dern für alle Bürg­er. Auch deshalb sind „Kul­tur­busse“, ähn­lich den The­ater­bussen, so wichtig. Und dass das SchülerKul­turTick­et auch am Woch­enende gilt, ist auch ein wichtiger Schritt.

Lesen Sie weit­er in Aus­gabe 6/18.