Anno Mungen

Von Bayreuth nach Auschwitz

Oper – Politik – Gewalt

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Westend Verlag, Frankfurt
erschienen in: das Orchester 7-8/2026 , Seite 71

Anno Mungen hat sich einen Namen gemacht mit seinen Forschungen zum Thema „Oper im ­Nationalsozialismus“, die in der ­Ausstellung „Hitler.Macht.Oper“ 2018 gipfelten. Auch in seiner jüngsten Publikation scheint Mungen der Meinung zu sein, dass Hitler wesentliche Impulse und Strategien aus dem Werk Richard Wagners bezogen hat und zieht eine direkte Linie von Wagner (Bayreuth) zu Hitler (Auschwitz). Ein Irrtum.
Zur Hundertjahrfeier der Bayreuther Festspiele – 1976 – hat der damalige deutsche Bundespräsident, Walter Scheel, in seiner bemerkenswerten, als skandalös empfundenen Rede auf ein weitverbreitetes Missverständnis hingewiesen: „Ich glaube nicht an die direkte Linie Wagner-Hitler. Man hat noch mehr solche ‚historischen‘ Linien gezogen. Sie beruhen alle auf Geschichtsbildern, die allzu simpel sind.“ Walter Scheel fügte hinzu: „Beide, Hitler und Wagner, sind Teil einer unheilvollen antisemitischen Unterströmung des europäischen Geistes. Aber Hitler wäre sicher auch ohne Wagner Antisemit geworden.“ Die Wagner-Forschung hat das inzwischen bestätigt.
Der britische Historiker Peter Gay hat davor gewarnt, dass dem deutschen Historiker die Suche nach unheilvollen Ursachen deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert zur „Zwangsvorstellung [werde], so dass er die ganze Vergangenheit nur noch als ein Vorspiel zu Hitler sehe und jeden angeblich deutschen Charakterzug als einen Baustein zu jenem schrecklichen Gebäude, dem Dritten Reich.“
Das Buch versteht sich als „Spurensuche“ im Jahre des 150. Jubiläums der Bayreuther Festspiele und geht aus entsprechenden Projekten mit Studierenden aus Posen und Bayreuth hervor. Es ist nicht chronologisch-systematisch aufgebaut, sondern eher assoziativ. Stichwortartig werden Personen wie Joseph Goebbels, Robert Ley, Hans Frank, Bodo Lafferentz, Heinrich Himmler und Adolf Hitler abgehandelt, dazwischen gibt es kurze Essays und historische Abschnitte. Keine stringente Dramaturgie, die noch durch persönliche Erfahrungen Bayreuther Orte und Installationen verwässert wird. Betroffenheit über die „soziokulturelle Abwehr der Deutschen gegen die Shoah“ wird diagnostiziert. Mungen polemisiert gegen viele Wagnerautoren. Nur Wissenschaft könne die Augen öffnen über die brisanten Zusammenhänge, über die er schreibe. Doch mit Wissenschaft hat Mungens Buch nichts zu tun. Es sind aneinandergereihte, persönliche Lippenbekenntnisse und Meinungen.
Fazit: Mungens Buch ist das Paradebeispiel einer „von Hitlers Wagner-Usurpation aus rückblickenden Interpretation“ und daher „schon rein methodologisch betrachtet [eine] Fehlinterpretation“ (so Jacob Katz in „Richard Wagners Antisemitismus“).
Dieter David Scholz

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