Laurenz Lütteken

Aufgehobene Revolution

Annäherungen an Richard Wagners „Ring“

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin
erschienen in: das Orchester 7-8/2026 , Seite 70

Richard Wagner reifte in Revolutionsjahren heran: Der 1813 Geborene erlebte „1830“, dann „Paris 1832“ und „erlas“ sich viel Vormärz-Gedankengut. Der Weber-Aufstand von 1844 folgte … und dann umgab den erstmals ernsthaft angestellten „Königlich Sächsischen Kapellmeister“ in Dresden nahezu alles revolutionäre Gedankengut, das im Dresdner Aufstand von 1849 gipfelte. Wagners Teilhabe führte zu Steckbrief und Flucht ins Schweizer Exil. Dort entstand Der Ring des Nibelungen in einem nordisch-mythisch-entrückten „Kostüm“. Nur national-konservativ einseitige, erst recht nationalsozialistisch ideologisierte Interpreten konnten nicht sehen (wollen), was George Bernard Shaw schon 1898 – deutsch 1906! – und dann nach Jahrzehnten Politologe Udo Bermbach unumgänglich belegten: dass Wagner und sein Werk geprägt sind von „Erinnerung an das Vergangene, revolutionärer Überwindung und utopischem Blick in eine vage Zukunft“. Das führt der Zürcher Professor Laurenz Lütteken für den Ring vertiefend vor – mit entschieden neuem Einbezug hegelianischen Denkens.
Im Mittelpunkt stehen dabei vier Texte zum Ring, die für eine Produktion am Opernhaus in Brüssel entstanden sind. Auf dortigen Wunsch wurden zentrale musikalische Aspekte des Zyklus in Verbindung gebracht mit übergreifenden ästhetischen Einsichten. Lütteken erinnert an Wagners abzubrennendes „Brettertheater“. Er zeigt die Idee eines nicht dauerhaften, sondern auf die „Festspiele“ zeitlich begrenzten Orchesters, letztlich eine entschiedene Betonung des Temporären sogar in diesem fundamentalen Bereich.
Lütteken bezieht kurz auch Wagners theoretische Schriften von 1849 bis 1851 ein. Das Ring-Projekt formierte sich als neues, anderes Theater, in dem das Scheitern der Revolution ebenso in sich aufgehoben war wie das Gelingen einer ausstehenden, einer künftigen. Lütteken sieht von Wagner damit die hegelianischen dialektischen Gedankengänge des Vormärz produktiv in eine kreative Herausforderung ganz eigener Art verlängert. Doch führt der Untergang Walhalls am Ende nicht zu einer neuen Wirklichkeit, sondern zu einer kompliziert gebrochenen Verheißung auf etwas Zukünftiges, dessen genaue Gestalt noch unklar ist und unscharf bleibt.
All das wird ergänzt durch drei weitere Essays, die Wagners geistigem Horizont gewidmet sind: Seiner intensiven Beschäftigung mit Goethe und dem Faust, dem Wagnerianer Thomas Mann und auch Wagners religiöse „Utopien“ in Entwürfen und Werken. So ist das Buch kein neuer Werkführer, sondern eine analytisch dezidierte, durchweg mit Zitaten belegte Untersuchung von Wagners geistiger Welt, aus der dieses immer wieder neu auszumessende Werk herausgewachsen ist. Lohnend für alle, die Wagners Werk „bereits zu kennen meinen“.
Wolf-Dieter Peter

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