Stephan Mösch
Bayreuth als Theater
Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte
Die Literatur über Wagner ist uferlos. Nun hat auch Stephan Mösch, Professor an der Hochschule für Musik in Karlsruhe, sich in seiner jüngsten Publikation in Sachen Richard Wagner „auf den Weg zu einer Festspielgeschichte“ gemacht. Wie der Untertitel des Buchs schon suggeriert, geht es Mösch nicht um eine lineare, chronologische Darstellung der Festspielgeschichte, sondern er versucht, „zu zeigen, wie und warum sich Sinnhorizonte bei den Bayreuther Festspielen verschoben haben“. Mösch beschreibt, „wie und warum sich der Umgang mit Wagner diesseits und jenseits der Bühne verändert hat – teils radikal, teils moderat und fast unmerklich. […] Der Titel erschließt sich vor diesem Hintergrund: ‚Bayreuth als Theater‘ heißt: Theater in Bayreuth als ästhetische und historische Diskursformation. So pompös, wie das klingt, ist es nicht gemeint“.
Mösch stützt sich neben vielen anderen Quellen, die er aufgespürt hat, vor allem auf die bisher kaum ausgewerteten Dokumente der „Zustiftung Wolfgang Wagner“. Sie stellen, so Mösch, so etwas wie die DNA der Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Die Quellen, so der Autor, verwiesen ständig darauf, „wie wichtig es war, Geschichte jenseits konsensualer Verläufe zu erkunden“. Das heiße, „die reichlich vorhandenen Quellen in ihrer Widersprüchlichkeit, Uneinheitlichkeit und Kommunikationsstruktur ernst zu nehmen“. Es gelte, „loszukommen von altgedienten Dualismen wie ‚Werk und Rezeption‘ oder ‚Innovation und Stagnation‘, die sich vielfach in der Literatur eingenistet haben“.
Konkret behandelt Mösch in 25 Kapiteln Werke und ihre Fassungen, Werkbegriffe, den Wechsel und die Bedeutung der Dirigenten, Regisseure, künstlerische Konzepte, musikalische Aspekte wie Tempo und Agogik, künstlerische Verantwortung, Sensationsspekulationen, große Sängerpersönlichkeiten – aber auch um Werk-Interpretationen, Propaganda, Publikumserwartungen, Machtkämpfe innerhalb der Familie, aber auch zwischen den Künstlern. Nicht zuletzt geht es auch um Marketing und ums Geld. Ästhetische Autonomie und politische Bedeutung sind ein zentrales Thema.
Wie immer schreibt Mösch sehr differenziert und mit verändertem Blickwinkel auf Bekanntes und Vertrautes. Im Schlusskapitel fragt sich Mösch: „Wie lassen sich die Wagner-Festspiele verorten, wenn sie weder als neutrales Bildungsgut noch als Tummelplatz vergnügungssüchtiger Kulturflaneure gelten wollen?“
Ein Gelehrten-Buch, das viele andere Gelehrte zitiert, nicht unbedingt leicht zu lesen, aber mit umfangreichem wissenschaftlich hieb- und stichfestem Anhang versehen. Auch wartet es mit vielen aussagekräftigen Abbildungen und Dokumenten auf. Eine Respekt heischende Arbeit.
Dieter David Scholz


