Richard Wagner
Der Ring des Nibelungen
Tomasz Konieczny, Camilla Nylund, Christopher Purves, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Klaus Florian Vogt u. a. (Gesang), Philharmonia Zürich, Ltg. Gianandrea Noseda
1849 ist der steckbrieflich gesuchte Revoluzzer Richard Wagner nach Zürich geflohen; dort hat er in seinem von Gönner Otto von Wesendonk gesponserten „Asyl“ Zeltweg 11 gelebt, wesentliche Teile des Ring des Nibelungen geschrieben und 1856 den ersten Akt der Walküre singend am Klavier gleichsam uraufgeführt – bis Wagners Liebe zu Mathilde Wesendonk zum Bruch führte. Da im Sommer das Jubiläum „150 Jahre Ring-Uraufführung in Bayreuth“ naht, hat das Zürcher Opernhaus „vorgelegt“: Zum Ende seiner 13 Jahre umspannenden Intendanz hat Andreas Homoki mit GMD Gianandrea Noseda die Tetralogie produziert.
Zusammen mit Ausstatter Christian Schmidt traf Homoki eine reizvolle Grundentscheidung: Diese Nähe, das oftmalige Vorbeifahren an der heutigen Museumsvilla haben Homoki und Schmidt dazu angeregt, das ganze Werk in einer Nobel-Hotel-Suite, etwa des damaligen Zürcher und heutigen Schweizer Geldadels spielen zu lassen. Was sich wie eine einengende Fessel liest – eine breite Mythen-Welt ist vorzuführen! – wird zur spannenden „Raum-Abfolge“: Ein Könner wie Christian Schmidt und sein Mitarbeiter Florian Schaaf lassen eine ganze Reihe von zwar gleich gestylten, aber durch Licht (Franck Evin), Möbel und Accessoires dauernd veränderbarer Zimmer und Säle auf der Drehbühne rotieren: eine reizvoll vielfältige Welt wird sichtbar – etwa eine munter drehende Bett-Kissen-Zimmer-Flucht für die tobenden Rhein-Limmat-Töchter; oder ein Gründerzeit-Wotan mit Glasauge im Leder-Fauteuil vor einem Alpen-Ölgemälde-Schinken mit Walhall-Silhouette; oder der aus dem großen Schrank im hereingeschwenkten Salon drohende Alberich-Drachenkopf, während sein Schweif erschreckend in der Seitentür peitscht. Später findet der Revoluzzer-Flüchtling Siegmund im öd-leeren Hunding-Zuhause die uralte Welt-Esche mit Schwert Nothung. Die Walküren toben als wilde Girls-Group mit blechernen Pferdeköpfen herein, jagen eine kleinformatige Helden-Schar gnadenlos durch die Räume, widersprechen Wotan – und fliehen dann durch Türen davon. Im folgenden Raum bettet sich Brünnhilde auf einem großen Felsen, während Wotan eine kleine Tanne neben ihr pflanzt. Mehrfach bricht dieser Göttervater schmerzzerrissen zusammen, scheint einer Herzens-Fraktur infarkt-nahe und befiehlt Loge mit Speerspitzen-Blitz, den Felsen zum Glühen zu bringen.
All dies hat Homoki-Schmidts Ring-Welt düster und schwarz werden lassen. Der ungebärdige Youngster Siegfried schmiedet in Mime-Alberichs finsteren Räumen sein Schwert neu. Auf seiner Welt-Erkundung tobt er weiter durch wechselnde Räume bis zum hereindrehenden Felsen, auf dem neben der schlafenden Walküre eine kleine Tanne emporgewachsen ist. Die erwachte Brünnhilde findet mit Siegfried im nächsten Raum auch ein ihrer Liebe gemäßes Bett.
Die Lebenswelt der dekadenten „Götterdämmerung“-Gibichungen sind die jetzt angegrauten Räume mit abblätternder Farbe. Siegfried wird ganz vorne von Hagen niedergestochen – sodass zu seinem seligen Todestraum der Raum mit dem Liebesbett hereindrehen kann. Dorthin kehrt auch Brünnhilde zurück, ehe sie final Hand in Hand mit ihrem Helden in den hereinleuchtenden Weltenbrand davonstürzt. Als letzte Handlung schließen die Rheintöchter den Ring wieder ein – und zur eventuell letzten „Erlösungsmelodie“ drehen die leeren Räume des Beginns herein – eine Welt, in der die Menschen noch nicht „gehandelt“ haben …
Durch alle Bild-Fülle und -Macht hindurch hat Regisseur Homoki seine Protagonist:innen überlegt, mit vielen eigenen Zügen und in den Nahaufnahmen expressiv geführt (Bildregie Michael Beyer). Das musikalische Niveau ist hoch. GMD Noseda führt sehr sängerfreundlich, was Piano ermöglicht, und mit gut sangbaren Tempi, ohne dass sich der mögliche rauschhafte Überschwang einstellt. Der von Tomasz Konieczny (Wotan), Camilla Nylund (Brünnhilde), Klaus Florian Vogt (Siegfried), Daniela Köhler (Sieglinde), Eric Cutler (Siegmund) und Christopher Purves (Alberich) angeführten Sänger-Garde ist „Bühnenfestspiel“-Niveau zu attestieren. Zu einem erschwinglichen Preis ist damit ein „Zürcher Ring“ greifbar – mit einer eigenen Bilderwelt für unseren unverändert aktuellen Untergang.
Wolf-Dieter Peter


