Johanna Senfter
Symphonies No. 1 & 9
Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Ltg. Chelsea Gallo
Einen regelrechten Paukenschlag stellen die beim Label Capriccio jüngst auf einer CD erschienenen Weltersteinspielungen der 1. und 9. Symphonie von Johanna Senfter (1879–1961) dar. In der Tat dürfte es sich bei dieser CD um die bislang bedeutendste Veröffentlichung des Jahres handeln, ist sie doch in höchstem Maße dazu geeignet, die Erinnerung an eine Komponistin wieder zu erwecken, die zu ihrer Zeit sehr populär war, heute aber weitgehend vergessen ist. Und das darf nicht sein. Angesichts der ausgezeichneten Qualitäten von Johanna Senfter ist es nötig, hier einen Kontrapunkt gegen das Vergessen zu setzen und diese grandiose Tonsetzerin, die in einem Atemzug mit so manchen anderen männlichen Komponisten ihrer Zeit zu nennen ist, einem breiten Publikum wieder bekannt zu machen.
Johanna Senfter erblickte am 27. November 1879 im rheinhessischen Oppenheim das Licht der Welt. Zu Oppenheim hatte sie zeitlebens eine enge Bindung. Das eindrucksvolle Elternhaus voller Musik sollte bis zu ihrem Tod am 11. August 1961 der Mittelpunkt ihres Lebens bleiben. Verheiratet war sie nie und hatte auch keine Kinder. Dieser Fakt und ihre finanzielle Unabhängigkeit erlaubten ihr, sich zeit ihres Lebens ganz auf ihre kreative kompositorische Schaffenskraft zu konzentrieren. Und auf diesem Gebiet leistete sie Sensationelles. Sie hinterließ ein reichhaltiges Œuvre an bemerkenswerten Kompositionen, u. a. neben zahlreichen Kammermusikwerken auch neun Symphonien. Sie war die Schülerin Max Regers, der von ihrem musikalischen Können begeistert war und sie zu einem Aufbaustudium in seiner Leipziger Kompositionsklasse ermutigte, das sie im Jahre 1909 mit Auszeichnung abschloss. Ein Jahr später erhielt sie den Arthur-Nikisch-Preis für die beste Studentenkomposition des Vorjahres. Reger war bis zu seinem Tod 1916 einer ihrer engsten Freunde. Sein Einfluss ist in ihrer Musik deutlich zu spüren. Leider war Johanna Senfter etwas scheu und kümmerte sich kaum um die Verbreitung ihrer Werke. Sie überließ es anderen, auf ihre Kompositionen aufmerksam zu machen und diese aufzuführen. Darüber hinaus litt sie unter Anfeindungen der Presse und männlichen Vorurteilen. Komponistinnen waren damals noch ausgesprochen selten. Da war es kein Wunder, dass die sehr zurückgezogen lebende und arbeitende Johanna Senfter zu guter Letzt verbitterte und nach ihrem Tod vergessen wurde. Dabei war sie „eine schöpferische Kraft ersten Ranges“, wie Hans Fleischer in einer Rückschau 1960 betonte.
Es bleibt zu hoffen, dass die vorliegende CD dazu beiträgt, ihre Werke wieder in den Konzertsaal zu bringen. Zumindest die 1. und die 9. Symphonie hätten das mehr als verdient. Hier haben wir es mit Musterbeispielen hochkarätigen musikalischen Könnens zu tun. Schon die 1. Symphonie von 1914 gerät der Komponistin recht eindringlich. Das Werk steht in F-Dur, also der Pastoraltonart, und atmet insgesamt einen heiteren Charakter. Glück und Frohsinn sind hier durchweg spürbar, dabei brach gerade in der Entstehungszeit des Werks der 1. Weltkrieg aus. Johanna Senfter wartet mit einer der Spätromantik huldigenden, klaren, präzisen und sehr intensiven Klangsprache auf. Die Grenzen zur Atonalität werden dabei oftmals gestreift, aber an keiner Stelle überschritten. Man merkt, dass die Komponistin modernen Tonsetzern ablehnend gegenüberstand. Anders verhält es sich bei Komponisten der früheren Zeit, die sie teilweise überaus schätzte, wie beispielsweise Johannes Brahms und Richard Wagner, deren Einfluss in ihrer Erstlingssymphonie nicht zu überhören ist. Dass sie auch Anleihen bei Reger nimmt, ist fast selbstverständlich. An ihrem handwerklichen Können ist nicht das Geringste auszusetzen. Ihre Kompositionstechnik war bereits in jungen Jahren sehr ausgeprägt und sicher und ihr Umgang mit der Technik des Kontrapunkts geradezu meisterhaft.
Ganz hervorragend ist ihr auch ihre 1949 entstandene 9. Symphonie gelungen. Diese steht in es-Moll. Die Tonart symbolisiert Nacht und Tod, Not und Verzweiflung und ist trefflich gewählt, drückt sie doch den ganzen Kummer der Nachkriegszeit aus, unter dem Johanna Senfter während der Entstehung ihrer 9. Symphonie zu leiden hatte. Unter diesen Umständen ist es nicht weiter verwunderlich, dass dieses Werk, das wiederum stark von Reger beeinflusst ist, um einiges düsterer und dramatischer klingt als die 1. Symphonie. Als Ausgangspunkt für ihre Komposition diente Johanna Senfter der lutherische Choral „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, der sich durch sämtliche vier Sätze der Symphonie zieht. Manchmal wird er zitiert, zeitweilig aber auch geschickt variiert. Hier legt die Komponistin eine ungemeine Dramatik an den Tag, die sich tief einprägt. Mit diesem Werk hat sie den Gipfel ihres musikalischen Könnens erreicht.
An dem gewaltigen Eindruck, den die hier auf CD veröffentlichten Symphonien von Johanna Senfter hinterlassen, haben auch die junge Dirigentin Chelsea Gallo und die prachtvoll aufspielende Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz einen gehörigen Anteil. Es gelingt Chelsea Gallo ausgezeichnet, den Zuhörer in einen regelrechten musikalischen Rausch zu versetzen. Ihr Dirigat zeugt von höchstem Verständnis für Johanna Senfters herrliche Musik, die sie hoch konzentriert, markant, ausdrucksstark, mit ungemeiner Intensität und einem fantastischen Melos grandios auslotet. Ausgedehnte Spannungsbögen lässt sie gekonnt in fulminante Höhepunkte münden und wartet zudem mit einer breiten Farbpalette auf. Angesichts der enormen Qualitäten dieser CD bleibt zu wünschen, dass in nicht allzu ferner Zukunft auch die übrigen Symphonien von Johanna Senfter unter dem Dirigat von Chelsea Gallo auf CD gebannt werden. Der Anfang ist hier in ganz genialer Weise gelungen. Der Kauf dieser geradezu preisverdächtigen CD ist sehr zu empfehlen!
Ludwig Steinbach


