Ebenbild
Werke von Hans Leo Hassler, Johann Gottlieb Janitsch, Johann Sebastian Bach und anderen Juri Vallentin (Oboe), Trio d’Iroise, Bernward Lohr (Cembalo), Caroline Junghanns (Rezitation)
Die vorliegende CD birgt so manche positive Überraschung und stellt insgesamt eine echte Bereicherung des Tonträgermarktes dar, wenn auch das äußere Erscheinungsbild der CD und die Präsentation des Inhalts eher etwas verwirrend sind. Geboten wird ein originelles und durchdachtes Konzertkonzept, das sich in engeren und weiteren Kreisen um das Kirchenlied O Haupt voll Blut und Wunden dreht, es in verschiedenen Versionen von Bach und anderen Komponisten erklingen lässt und darüber hinaus in einen weit gefassten musikalischen Bezugsrahmen einbettet. Auf diesem Pfad kommt es zu überraschenden Entdeckungen: So klingt Hans Leo Hasslers Version überhaupt nicht ehrwürdig, sondern bestechend vital und virtuos. Echte Entdeckungen sind ferner das dreisätzige Quadro g-Moll des Bach-Zeitgenossen Johann Gottlieb Janitsch und das Quattuor en ré-mineur von Charles Bochsa, das die Epoche der sogenannten Klassik um individuelle Aspekte bereichert.
Der Radius des Programms spannt sich noch weiter über das ausgehende 19. bis ins beginnende 21. Jahrhundert, ohne dass dabei empfindliche Stilbrüche spürbar würden. Kaum jemand wird bislang den Namen des australischen Komponisten Frederick Septimus Kelly gehört haben, aus dessen Streichtrio h-Moll die „Romance“ ausgewählt wurde. Und die gemäßigte Moderne wird vertreten durch 4 Preludes to Infintity aus dem Jahr 2013 von Theo Verbey. Die fünf exzellenten Musiker verstehen es, einen Spannungsbogen über alle Stilumbrüche hinweg zu halten und wechseln dabei mühelos auch in die jeweils angemessene Interpretationsweise, zwischen historisch-authentischer Aufführungspraxis und durchaus romantischem Klangbild. Das musikalische Zentrum bilden dabei die drei Mitglieder des Trio d’Iroise: Sophie Pantzier (Violine), Francois Lefèbre (Viola) und Johann Caspar Wedell (Violoncello), virtuos und klangschön ergänzt durch den Oboisten Juri Vallentin. Sehr dezent stützt im Quartett von Janitsch das Cembalo von Bernward Lohr.
Die Anmutung eines durchdacht konzipierten Konzertprogramms wird auch durch die lebhafte Deklamationskunst der Schauspielerin Caroline Junghanns geprägt. Sie trägt zwischen den einzelnen Musiknummern die fünf Strophen des anonymen Liedtextes zu Hasslers Version des dem Programm zugrunde liegenden Kirchenliedes vor: „Mein Gmüth ist mir verwirret …“
So rundet sich ein originelles „Gesamtkunstwerk“, das man sowohl chronologisch und vollständig als auch auszugsweise genießen kann. Nur der Titel Ebenbild, den die Künstler:innen ihrer CD mit auf den Weg gegeben haben, bleibt ein wenig rätselhaft, trotz angedeuteter Erklärungsansätze auf dem Begleitzettel. Aber auch das scheint durchaus zum Konzept dieser Publikation zu gehören.
Arnold Werner-Jensen


