Marco Frei
München: Crossover vom Feinsten
Die „Münchner Spots“ der Münchner Symphoniker
Mit symphonischen Crossover-Projekten ist das so eine Sache. In der Regel haben die beteiligten Orchester das Nachsehen, dürfen plump und beliebig begleiten. Das kann frustrieren, weil die Qualität der klassischen Klangkörper im Grunde gar nicht abgerufen wird. Eine Chance wird da vertan, obwohl sich solche symphonischen Crossover-Projekte beim Publikum eigentlich großer Beliebtheit erfreuen. Hier setzen die „Münchner Spots“ an.
Dahinter verbirgt sich ein neues Format, bei dem die Münchner Symphoniker gemeinsam mit dem Obi Jenne Quartett einerseits die bayerische Landeshauptstadt musikalisch erfahrbar machen möchten. Dazu werden Stücke aufgeführt oder eigens komponiert, die von Orten in und um München inspiriert sind oder einen Bezug in sich tragen. Andererseits gilt es, den Crossover-Gedanken neu zu beleben, nämlich künstlerisch wertvoll – aus Sicht des Orchesters. „Wir wollen orchestrale Qualität schaffen, damit auch die Orchester nach solchen Veranstaltungen feststellen können: Auch uns hat das Spaß gebracht“, so Tilman Dost. Seit 2020 wirkt er als Intendant bei den Münchner Symphonikern. Die Idee zu diesem Format wurde bereits bei
seinem Amtsantritt in München entwickelt. Der Startschuss war eigentlich für 2021 geplant, was aber wegen der Pandemie verschoben werden musste. Gleichzeitig sollten ursprünglich auch die jeweiligen Orte, die die Werke abspiegeln, bespielt werden. Auch das war in dieser Form bislang nicht machbar: sowohl coronabedingt als auch von den logistischen und finanziellen Ressourcen her.
Dafür aber wurde als Auftakt dieser Reihe im Sommer 2022 eine spannende Trilogie ausgetüftelt. Alle Co-Mitwirkenden kennt Dost aus seiner Zeit als kaufmännischer Intendant bei den Stuttgarter Philharmonikern. Das Gustav-Siegle-Haus in Stuttgart beheimatet nicht nur die Philharmoniker, sondern auch den „Bix Jazzclub“. Dort gastiert auch das Obi Jenne Quartett. Zur „Band in the Bix“ zählt zudem der Saxofonist, Fagottist und Komponist Libor Šíma. Er ist Solofagottist beim SWR-Symphonieorchester in Stuttgart und bläst das Saxofon im Obi Jenne Quartett. Für die „Münchner Spots“ hat er überdies Jazz-Variationen über ein Haydn-Thema komponiert.
Der Dirigent der „Münchner Spots“, Frank Dupree, ist selbst auch in der Jazz-Szene unterwegs. Das alles sind beste Voraussetzungen für ein Crossover-Konzept, das Klassik mit Jazz verwebt. Beim zweiten Konzert der Auftakt-Trilogie ging diese Fusion geradezu mustergültig auf. Dazu haben die Symphoniker zu sich nach Hause eingeladen, in ihren Probesaal in den Bavaria Musikstudios im Münchner Osten. Der Rahmen war gewissermaßen exklusiv, denn: Es wurden vor allem gezielt Abonnent:innen und Freunde der Münchner Symphoniker eingeladen, um sich für ihre rege Unterstützung während der Pandemie zu bedanken. Dieses Dankeschön war ein veritabler „Hinhörer“.
Zunächst spielten die Symphoniker und das Jazz-Quartett jeweils alleine, aber mit Querverbindungen. Als Dreh- und Angelpunkt fungierten hier die Haydn-Variationen von Johannes Brahms. Das Werk hat einen erweiterten München-Bezug, weil es im Sommer 1873 in Tutzing am Starnberger See entstanden ist. Nach der wohltuend schlanken, agilen Gestaltung durch die Symphoniker griffen Šíma (Saxofon) sowie Robert Kesternich am Klavier, Jakob Krupp am Kontrabass und Obi Jenne am Schlagzeug das Hauptthema auf. Die Variationen aus der Feder von Šíma wirkten wie zusätzliche jazzige Reflexionen.
Der eigentliche Höhepunkt war jedoch die von Šíma komponierte Suite Nr. 2 „Münchner Spots“ . Hier führten die Symphoniker und das Jazz-Quartett gemeinsam in den „Englischen Garten“, die „Pinakothek“, die „Herz Jesu Kirche“ und den „Grünwaldpark“. Von diesen Münchner Orten ließ sich Šíma atmosphärisch inspirieren. Dabei bildeten die Symphoniker und die Jazzer eine in sich geschlossene Einheit: nicht nur dynamisch, sondern auch in der Artikulation, Phrasierung und farblichen Klanggebung. Bisweilen hatte man den Eindruck, als ob das Saxofon von Šíma oder der Kontrabass von Krupp aus dem Orchester erklangen. Gleichzeitig wurde der Beat des Schlagzeugs durch Spieltechniken im Orchester fast schon aufgegriffen und weitergesponnen. Mit seinen kenntnisreichen Kreationen hat Šíma absolut gleichberechtigte Dialoge geschaffen: eine Partnerschaft auf Augenhöhe, bei der das Orchester eben nicht einfach Beiwerk ist. Umso wichtiger ist es, dass diese „Münchner Spots“ wie geplant tatsächlich auf Ton- und bzw. oder Bildträger erscheinen.
Auch über die kommende Spielzeit hinaus sollen die „Münchner Spots“ die Symphoniker begleiten und weiterentwickelt werden. In der neuen Saison 2022/23 soll für zwei Konzerte der Nockherberg am Isarhochufer bespielt werden. Ein Traum bleibt es nämlich vorerst, die einzelnen „Münchner Spots“ tatsächlich auch an den jeweiligen Orten in München aufzuführen. Vielleicht findet sich ja eine großzügige Person oder Institution, die das ermöglicht.

