Frauke Adrians
Erfurt: Gefangenenchor in Blau-Gelb
Verdis „Nabucco“ bei den Erfurter Domstufen-Festspielen
Vor etwa 15 Jahren trugen die Gefangenenchöre aus Nabucco und Fidelio nahezu serienmäßig Anzüge in Guantanamo-Orange. Heute ist es nicht mehr das US-Lager auf Kuba, das die Bildwelten der Opernbühnen prägt,
heute sind es der russische Angriffskrieg und die ukrainische Gegenwehr. Guy Montavon, Intendant des Theaters Erfurt und Regisseur der 29. Domstufen-Festspiele, setzte bei Verdis Nabucco folgerichtig auf Blau und Gelb. Während das Volk der Hebräer sein „Va, pensiero“ sang, reckten die Gefangenen entsprechende Schals in die Höhe, und auch Dom und Severikirche erstrahlten in den Farben der Ukraine.
Subtil ist das nicht, ebenso wenig wie die De-facto-Gleichsetzung von Nabucco und Wladimir Putin – per Einblendung wurden beide mit dem Satz „Ich werde euch alle vernichten“ zitiert –, aber die Erfurter Domstufen waren noch nie der Hort bühnenbildnerischer und inszenatorischer Raffinesse. Die Besucher des Open-Air-Spektakels erwarten laute Bilder und kontraststarke Töne. Dass Montavon und Bühnenbildner Peter Sykora mit ihrer überdeutlichen Solidaritäts-
Erklärung einen Nerv trafen, zeigte die Reaktion des Publikums auch bei der drittletzten von rund 20 Nabucco-Vorstellungen: Beifall brandete auf, es gab Bravorufe.
Auch sonst kam der Domstufen-Nabucco gut an, nicht nur auf dem Domplatz, sondern auch im wenige hundert Meter entfernten Theater Erfurt, wo das Philharmonische Orchester unter Leitung von Harish Shankar spielte. Der Klang wurde, wie schon 2021, per Glasfasertechnik auf den Domplatz übertragen. Ein wenig Open-Air-Flair geht dadurch verloren, doch die Vorteile für die Musiker sind nicht von der Hand zu weisen: Sie und ihre Instrumente spielen im wohltemperierten Saal, geschützt vor Hitze und Gewittergüssen. Zudem verkauft das Theater Erfurt zusätzlich preisgünstigere Karten an Zuhörer im Saal. Und seinen verdienten Beifall konnte sich Dirigent Shankar live abholen: Ein E-Auto brachte ihn zum Schlussapplaus auf die Open-Air-Bühne.
Nicht nur das Philharmonische Orchester Erfurt machte seine Sache gut, sondern auch der Opernchor ebenso wie die Solisten, wobei Katia Pellegrino als Abigaille der unangefochtene Star des Abends war. Ein Bühnenspektakel, das eine solche Bösewichtin aufbietet – mit so vielen Dimensionen zwischen fistelndem Selbstmitleid und finster lodernder Rachsucht in der Stimme –, hat schon halb gewonnen. Da verzieh man dann auch, dass Ismaele (Brett Sprague) und Fenena (Florence Losseau) sehr blass wirkten, dass die Personenregie ohnehin weit unter ihren Möglichkeiten blieb und dass einiges an dieser Inszenierung ungereimt bis unfreiwillig komisch war, angefangen bei der seltsam verwachsen wirkenden Baal-Statue à la Arno Breker.
2023 wird auf den Domstufen Fausts Verdammnis von Hector Berlioz zu sehen sein. Auf dem Spielzeitprogramm 2022/23 des Theaters Erfurt stehen u.a. Strauss’ Elektra, Die schöne Helena von Offenbach und als Uraufführung die Oper Eleni von Nestor Taylor.

