Werke von Maurice Ravel, Fazıl Say und Minas Borboudakis
Grenzenlos
Quattro per Due: Jelena Stojkovic΄/ Yudum Cetiner (Klavier), Jürgen Spitschka/Manuel Pérez Delgado (Percussion)
Die Messlatte für Kompositionen für zwei Klaviere und Schlagzeug liegt seit der Uraufführung von Béla Bartóks Sonate für diese Besetzung im Jahr 1938 sehr hoch. Und die Konsequenz, mit der Bartók die Klavierhämmer der Tastatur mit dem Schägelbesteck der Perkussionisten verknüpfte, sucht auch nach 80 Jahren noch ihresgleichen.
Zwei aktuellere Werke für diese Besetzung präsentiert das im Umfeld der Stuttgarter Musikhochschule angesiedelte Quattro per Duo nun auf seiner CD Grenzenlos, ergänzt durch ein Arrangement der Rhapsodie Espagnole von Maurice Ravel, bei dem zu den zwei Klavieren der Originalversion Schlagzeugelemente der Orchesterfassung hinzutreten. Diese Herangehensweise ist äußerst reizvoll, da die perkussiven Interventionen in diesem Zusammenhang äußerst klar, pointiert und sparsam erscheinen und nahezu magische Qualität entwickeln: Einige wenige grundierende Paukentöne, ein Triangelglitzern und ein einziger Tambourinwirbel – schon entsteht vor dem inneren Ohr das (idealisierte) Spanienbild. Ein wunderbares Stück, auf das zwei originale Klavier-Schlagzeug-Quartette von Fazıl Say und Minas Borboudakis folgen.
Wegen des großen organisatorischen Aufwands für die Konzertveranstalter – nur relativ wenige Säle verfügen über zwei hochwertige Konzertflügel, hinzu kommt der umfangreiche Instrumentenbedarf der Perkussionisten – gibt es nicht viele dieser Konzerte. Bei denen, die dann doch stattfinden, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit Fazıl Says Variationen op. 32 dabei. Das leuchtet unmittelbar ein, denn mit seiner lebendigen Musik, die Elemente traditioneller türkischer Musik überaus differenziert orchestriert und modern gewandet, erobert der Komponist (und Pianist) derzeit weltweit die Herzen eines aufgeschlossenen Klassikpublikums. Die Einspielung dieses Werks aus dem Jahr 2010 ist voll schöner Farben, von großer Klarheit und vor allem im letzten Satz von mitreißender Virtuosität.
Nur minimal sperriger und polystilistisch bunt erklingt Chorochronos I (1997) von Minas Borboudakis, eine an Überlegungen des Astrophysikers Stephen Hawking angelehnte Meditation über das Verhältnis von Raum und Zeit. Minimalistische Zeitschleifen treffen auf extreme Verdichtungen und bilden bizarre Klangwelten, geräuschhafte Cluster lösen sich spektakulär ins Nichts auf.
Das Quattro per Due, dessen Musiker Jelena Stojković und Yudum Cetiner am Klavier sowie Jürgen Spitschka und Manuel Pérez Delgado am Schlagzeug aus vier Nationen stammen, hat die drei Werke der CD hochkarätig interpretiert, ihre engagierte musikalische Auseinandersetzung mit den Werken ist in jedem Moment spürbar.
Das Klangbild der CD, die im großen Saal der Stuttgarter Musikhochschule aufgenommen wurde, ist transparent und kraftvoll. Was sich Béla Bartók im Brief an Paul Sacher vor der Uraufführung seiner Sonate wünschte, wurde bei dieser CD mehr als erfüllt: „Die Klavierspieler müssen freilich gut sein; und der Xylophonspieler muss halt seine Partie schön üben.“
Stephan Froleyks


