Arvo Pärt
Mozart-Adagio
für Klarinette, Violoncello und Klavier, Partitur und Stimmen
Den Stellenwert des estnischen Komponisten Arvo Pärt zeigt die im Oktober 2018 in seinem Heimatland erfolgte Eröffnung eines eigenen Musikzentrums in Laulasmaa, wenige Kilometer westlich der Hauptstadt Tallinn.
Der 1935 geborene, profilierteste Komponist seines Landes hat zu einem individuellen Stil gefunden, aber auch mitunter in seinen Kompositionen Bezug auf ältere Komponisten genommen, so in seinem Orchesterwerk Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte und im Credo. Das kammermusikalische Schaffen Pärts ist weniger präsent als seine Chor- und Orchesterkompositionen und somit bietet das Mozart-Adagio von 1992 die Chance, Pärt auch in diesem Genre öfter zu Gehör zu bringen.
Das sechsminütige Mozart-Adagio wurde vom Helsinki Festival für das „Kalichstein-Laredo-Robinson Trio“ in der Besetzung mit Violine, Violoncello und Klavier in Auftrag gegeben. Es entstand in Erinnerung an den 1990 verstorbenen russischen Geiger Oleg Kagan, mit dem Pärt eine Freundschaft verband. Da Kagan eine besondere Liebe für Mozart hatte, wählte Pärt den langsamen Satz aus Mozarts Klaviersonate KV 280, um ihm unter Anverwandlung von Eigenem zu gedenken. Der original in f-Moll stehende Satz, übrigens der einzige in Moll stehende langsame Satz aus Mozarts Klaviersonaten, ist ein mit großer Ausdruckstiefe gestaltetes Siciliano aus der Feder des vermutlich 18-jährigen Mozart.
Das Mozart-Adagio liegt jetzt in einer Version mit Klarinette anstelle der Violine vor. Das Stück beginnt mit einer von Pärt hinzugefügten achttaktigen, mit Pausen durchsetzten Introduktion von Violoncello und Klarinette, die mit wenigen Tönen auf das Ausdruckspotenzial des folgenden Themas mit seiner charakteristischen kleinen Sekunde vorbereitet. Während das Klavier den größten Teil des originalen Notentexts behält, verstärken die Melodieinstrumente zunächst die Harmonik, übernehmen dann auch Partien des originalen Klaviersatzes, aber vor allem schärfen sie mit zusätzlichen Dissonanzen den Tonsatz.
Die originale Dynamik mit häufigem Forte-Piano-Wechsel wird zunächst von Pärt ignoriert und zu einem einheitlichen Piano nivelliert. Im letzten Drittel der Komposition wird der Mozart’sche Satz durch die Musiksprache Pärts intensiver überlagert. Der Klangraum wird bis in den äußersten Diskantbereich ausgeweitet und es gibt Anklänge an den Tintinnabuli-Stil, ehe die Musik sich wieder stärker Mozart annähert und in der hinzugefügten knappen Coda an die Introduktion erinnert wird.
Pärt vertieft stellenweise Mozarts Satz, verdichtet den Ausdruck und schafft mit ganz persönlichen stilistischen Elementen auf eine einfühlsame Art eine ergreifende und dem Trauergestus entsprechende Musik, die bis auf einige Spitzentöne der Klarinette (d4!) die Interpreten weniger technisch als vor allem musikalisch fordert. Die Universal Edition hat vorbildlich anstelle von Einzelstimmen Stimmhefte für die Melodieinstrumente erstellt.
Heribert Haase


