Strauss, Richard / Eugen d’Albert / Engelbert Humperdinck

Edition Gewandhausorchester Leipzig Vol. 1

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Querstand VKJK 1109
erschienen in: das Orchester 06/2012 , Seite 71

Vor über 80 Jahren entstanden die ersten Tonaufnahmen des Gewandhausorchesters Leipzig. Die „Edition Gewandhausorchester“ verleiht einen Einblick in die umfangreiche Schallplattengeschichte des Ensembles und macht eine Auswahl historischer, behutsam digitalisierter Aufnahmen der Öffentlichkeit zugänglich. Die CD-Reihe startet mit drei Aufnahmen aus den frühen 1940er Jahren. Geleitet wurde das Orchester hier von Hermann Abendroth, der 1934 den wegen seiner jüdischen Herkunft abgesetzten Bruno Walter als Chefdirigenten abgelöst hatte.
Richard Strauss’ riesig besetztes Festliches Präludium für Orchester und Orgel ist wahrhaftig ein Echo aus der Vergangenheit: Die Aufnahme stammt aus dem Großen Concertsaal des Neuen Gewandhauses, der 1944 mitsamt seiner Walcker-Orgel bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Hier fesselt Abendroths Dramaturgie: der grandiose Bogen, der in einen pathetischen Hymnus gipfelt – auch wenn der gravitätisch-pompöse Duktus dieser Interpretation dem damaligen Zeitgeschmack geschuldet sein mag. Die Edition vermittelt also auch eine Vorstellung vom Wandel der Klangvorstellungen. Gleichwohl bleibt der besondere Charakter des Gewandhausorchesters auch durch solche Zeitgeschmack-Überlagerungen hindurch stets erkennbar: der ausgewogene, warme Klang mit leuchtenden Bläserfarben und den satten, intensiven Streichern.
Das Begleitbuch bettet mittels Erläuterungen, Originaldokumenten und Fotos die Aufnahmen in ihr gesellschaftliches Umfeld ein. Differenziert wird die Rolle des Gewandhausorchesters während des Nationalsozialismus betrachtet: Mit Abendroth, der auf Hitlers „Gottbegnadeten“-Liste stand, war das Ensemble fest in den Propaganda-Apparat eingebunden. Andererseits vermochte es der Dirigent, die Musiker vor dem Kriegseinsatz zu schützen und die Auflösung des Orchesters zu verhindern. Als im Kriegsverlauf die Leipziger Innenstadt immer häufiger bombardiert wurde, wich der Reichsrundfunk in den Vorort Gohlis aus. Dort spielten die Musiker im Concordia-Festsaal, einem ungeheizten Ballsaal mit knarrenden Stühlen, dessen Fenster wegen der Fliegerangriffe abgedunkelt wurden.
Zwei Aufnahmen, die dort im letzten Kriegswinter entstanden, wurden für die Edition ausgewählt. Der Mitschnitt von Eugen d’Alberts Cellokonzert besticht durch das innige Zusammenspiel zwischen dem Solisten Adolf Steiner und dem Orchester. Steiners leidenschaftlicher und zugleich eleganter Celloton wird von den Streichern weich eingebettet und umhüllt.
Dass im März 1945 Engelbert Humperdincks recht sentimentale Maurische Rhapsodie aufgenommen wurde, ist auch ein Zeichen für die angestrengte Repertoire-Suche im begrenzten Kreis der politisch unverfänglichen Werke. Hier kommen die solistischen Fähigkeiten der Gewandhaus-Bläser schön zur Geltung. Zauberhaft zart spinnen die Geigen die Unisono-Elegie des Anfangs.
Der zweite Band wird „Das Gewandhausorchester in der Oper“ in Aufnahmen von vor 1945 vorstellen.
Antje Rößler

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