Weinberg, Mieczyslaw

Zwölft Stücke (Miniaturen) op. 29 bis

für Flöte und Streichorchester, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Peermusic classical, Hamburg 2008
erschienen in: das Orchester 12/2015 , Seite 74

Wis­sen Sie noch, wie das damals war, als Sie die aufre­gende Ent­deck­ung eines für Sie neuen Kom­pon­is­ten macht­en? Der jugendliche Elan, mit dem Sie fasziniert den Klän­gen etwa ein­er Bruck­n­er-Auf­nahme lauscht­en, sich geban­nt in Ihre erste Mahler-Par­ti­tur ver­tieften, ger­adezu elek­trisiert auf Richard Strauss reagierten? Inzwis­chen ken­nen Sie sich in der Musikgeschichte so gut aus, dass Sie eigentlich nichts ver­gle­ich­bar vom Hock­er reißen kann wie damals (oder Ihnen das auch bei ver­trautesten Kom­po­si­tio­nen genau genom­men ständig passiert, weil sich bei Bach, bei Beethoven, bei Schostakow­itsch immer wieder neue Sichtweisen, neue Wel­ten auf­tun)?! Dann soll­ten Sie auf jeden Fall damit begin­nen, Mie­czys­law Wein­berg für sich (und ein größeres Pub­likum) zu ent­deck­en: Die Zwölf Stücke (Minia­turen) op. 29bis ziehen gle­ich vom Beginn der ersten Flötenkadenz (Nr. 1: Impro­vi­sa­tion) mit ihrer Orig­i­nal­ität und ihrem kom­pos­i­torischen Reich­tum in den Bann.
„Schostakow­itsch with a jew­ish accent“, so charak­ter­isiert der Wein­berg-Experte David Fan­ning (Uni­ver­si­ty of Man­ches­ter) in Kurz­form Wein­bergs Stil. In der Tat war Wein­berg eng mit Schostakow­itsch ver­bun­den, half ihm doch der zu diesem Zeit­punkt poli­tisch wohlgelit­tene Kom­pon­ist, 1943 in Moskau eine neue Exis­tenz zu grün­den. Man war in Fre­und­schaft und Respekt einan­der ver­bun­den, ja Schostakow­itsch „schätzte Wein­berg als einen der besten sow­jetis­chen Kom­pon­is­ten […], die gle­iche ‚Wellen­länge‘ in geisti­gen, kom­pos­i­torischen und pianis­tis­chen Fra­gen prägte ihre Beziehung, und sie zeigten sich gegen­seit­ig jede ihrer neuen Kom­po­si­tio­nen“ (s. Vor­wort der Note­naus­gabe). Selt­samer­weise find­en sich jedoch in der ein­schlägi­gen Schostakow­itsch-Lit­er­atur sel­ten Hin­weise auf Wein­berg, wobei man natür­lich berück­sichti­gen muss, dass Let­zter­er der Jün­gere von bei­den ist und somit eine Ein­flussrich­tung wenn über­haupt von Schostakow­itsch aus­ge­gan­gen sein dürfte.
Wein­bergs op. 29bis ist klar zyk­lisch gedacht. Die Minia­turen sind voller äußerst reizvoller Anmut, musikalis­ch­er Gestal­tungskraft, Orig­i­nal­ität und Poe­sie. Der kaden­zierende Beginn bedi­ent sich zunächst „harm­los“ Mit­teln der Klas­sik (Ges­tus etwa eines Capric­cio op. 3, 2 von Weiß), die melodisch als­bald aufs Schön­ste ver­fremdet in har­monis­chen Untiefen irrlichtern, um inner­halb kürzester Zeit doch wieder zur Ruhe zu kom­men. Zeigte sich die Flöte in der Nr. 1 vir­tu­os, so wird sie in Nr. 2 nur ver­hal­ten in das Stre­ichquar­tett inte­gri­ert. Chopin winkt aus einem fer­nen Reich herüber und übergibt in Nr. 3 im Hauptcharak­ter an Fau­ré, aber eben doch nicht, denn zu stark ist die Eigen­heit Weinberg’scher Klang­sprache. In Nr. 4 begeg­net uns dann plas­tisch und voller Dynamik tat­säch­lich Schostakow­itsch. Man kön­nte die bei­den Kom­pon­is­ten beina­he miteinan­der ver­wech­seln.
Diese weni­gen Beispiele mögen die kom­pos­i­torische Band­bre­ite und Klangähn­lichkeit­en verdeut­lichen, sollen jedoch nicht epig­o­nal ver­standen wer­den. Wein­bergs Hand­schrift ist stark und leuch­t­end, faszinierend und groß. Nehmen Sie die Zwölf Stücke in Ihr Konz­ertreper­toire auf und ent­deck­en Sie neu die Fasz­i­na­tion authen­tis­chster Musik!
Christi­na Humen­berg­er