Krausser, Helmut

Zwei ungleiche Rivalen

Puccini und Franchetti

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bertelsmann, München 2010
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 68

Wie kaum eine andere musikalis­che Gat­tung bietet die Oper Raum für große Gefüh­le. Der 1964 geborene Hel­mut Krauss­er, der durch zum Teil ver­filmte Romane wie Fette Welt und Der große Bagarozy bekan­nt gewor­den ist, hat ein beson­deres Faible für diese Gat­tung. Mit der Biografie Die kleinen Gärten des Mae­stro Puc­ci­ni (2008), die auf zehn recher­chierten Leben­s­jahren des Kom­pon­is­ten beruht, wurde diese Vor­liebe man­i­fest, mit Zwei ungle­iche Rivalen bewegt er sich erneut in der Welt der Oper, genauer gesagt: ihrer Kom­pon­is­ten. Krauss­er ver­fol­gt nun den Aspekt von Puc­ci­nis Biografie weit­er: das Ver­hält­nis zu dem Kom­pon­is­ten Alber­to Franchet­ti. Aus­drück­lich als Sach­buch beze­ich­net und ohne den Zier­rat so manch­er Kün­stler­bi­ografien ausk­om­mend, liest sich die stilis­tisch präg­nant geschriebene Geschichte des Kom­pon­is­ten Gia­co­mo Puc­ci­ni und seines Zeitgenossen und Rivalen Franchet­ti span­nen­der als manch­er Roman. Sie kön­nte selb­st die Vor­lage für ein Libret­to liefern, in dem Macht, Eifer­sucht und Intri­gen reich­lich Raum haben.
Zwei Kom­pon­is­ten aus ungle­ichen Ver­hält­nis­sen, Puc­ci­ni bet­te­larm, Franchet­ti stein­re­ich, konkur­ri­eren zeit ihres Lebens, teil­weise mit der Unter­stützung ein und des­sel­ben Libret­tis­ten und ange­feuert von ver­legerisch­er Konkur­renz um den Rang des ange­se­hen­sten und besten Opernkom­pon­is­ten. Bei­der Leben kön­nte auch heutzu­tage die Klatschspal­ten der Yel­low Press unter­halt­sam füllen. Nicht nur ihr auss­chweifend­es und ver­wor­renes Liebesge­baren, auch ihre Vor­liebe für Auto­mo­bile, ihr Auftreten in der Öffentlichkeit, beson­ders aber selt­same Ticks des Mil­lionärssohns Franchet­ti, der gerne väter­lich­es Ver­mö­gen in den Wind schoss, sich auch in Hotelz­im­mern die passenden Gerichte für seinen Fein­schmeck­er­gau­men kochte und den ersten Hun­de­fried­hof grün­dete, machen aus dieser Beschrei­bung eines Kampfes einen wun­der­baren Schmök­er. Etwas hochtra­bend wirken auf den ersten Blick die geset­zten Kapitelüber­schriften, die kanon­isch gewor­dene Texte wie „Der Tod in Venedig“ oder „Lehr­jahre des Herzens“ auf­greifen. In der Durch­führung der einzel­nen Kapi­tel wirken sie allerd­ings stim­mig.
Wo Puc­ci­ni, der zu Lebzeit­en zunächst Schwierigkeit­en hat­te, Anerken­nung zu find­en, heute seinen unan­tast­baren Platz im Oper­nolymp innehat, ist der anfangs zu Lebzeit­en gefeierte Franchet­ti weit­ge­hend vergessen. Ver­suche, seine Musik diesem Vergessen zu entreißen, wie etwa die Wieder­auf­führung der Oper Ger­ma­nia im Jahr 2006 an der Deutschen Oper in Berlin, scheit­erten. Krauss­er ist, wie er im Nach­wort betont, an Franchet­tis Wieder­ent­deck­ung gele­gen. Die Sorgfalt, mit der er Details aus dem Leben des Kom­pon­is­ten zutage gefördert hat und den Ver­such untern­immt, dessen Schaf­fen minu­tiös bis hin zu Inhalt­sangaben der teil­weise kru­den, darin aber amüsan­ten Libret­ti zu beschreiben, bele­gen die Ern­sthaftigkeit seines Unter­fan­gens.
Überzeugt wie unter­hal­ten bekommt man Lust, Franchet­tis Opern mit klin­gen­den Namen wie Fior di Alpe oder Asrael zu hören. Mag man auch Kraussers These vom vergesse­nen Genie ungeprüft nur skep­tisch teilen, kön­nte das Hören von Franchet­tis Musik auf alle Fälle ermöglichen, sich weit­er hineinzu­denken in diese span­nungsre­iche Zweierkon­stel­la­tion.
Beate Tröger