Geitel, Klaus

Zum Staunen geboren

Stationen eines Musikkritikers, Autobiografie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel, Berlin 2005
erschienen in: das Orchester 02/2006 , Seite 77

In die Wiege gelegt wurde dem 1924 gebore­nen Karl­shorster Klaus Gei­t­el sein später­er Beruf nicht ger­ade. Gemein­sam mit seinem Brud­er über­nahm er erst die elter­liche Schnaps‑, dann die Fah­nen­fab­rik. Mit zwölf infizier-te ihn die Opern­lei­den­schaft. Eine lebenslängliche Infek­tion, die in den Fün­fziger­jahren – nach abge­broch­en­em Studi­um und Bohèmeleben in Paris – eher zufäl­lig zu seinem Beruf wurde, wie Klaus Gei­t­el ausplaudert:
„Immer während der Fest­wochen gab ich in mein­er Woh­nung eine Par­ty für die Kün­stler, die zu Gast waren in Berlin. Und unter anderem waren auch Hans Heinz Stuck­en­schmidt, der Kri­tik­er, und Heinz Joachim von der Welt bei mir zu Gast. Und Joachim inter­viewte bei mir Hans Wern­er Hen­ze und erzählte ihm als Erstes: Eine gute Nachricht für Sie, Herr Hen­ze, Horst Kögler schei­det bei uns aus, der Sie immer so arg ver­ris­sen hat. Und Hen­ze sah mich an und sagte: das kön­ntest Du doch eigentlich machen. Und Joachim, weil er so viel Cham­pag­n­er bei mir getrunk­en hat, sagte: bitte sehr, machen Sie’s doch, kom­men Sie nach Ham­burg, stellen Sie sich vor und die Sache ist ger­itzt.“
Klaus Gei­t­el wurde Kri­tik­er der Welt, später auch der Berlin­er Mor­gen­post, kurz: Großkri­tik­er bei Springer. Eine Berlin­er Insti­tu­tion bis heute, wenn auch eine umstrit­tene, denn was man von Klaus Gei­t­el liest, entspricht nicht immer ganz dem, was man selb­st gehört und gese­hen hat. In seinen nun erschiene­nen Erin­nerun­gen liefert der alte Herr die Begrün­dung nach. Er begreife sich weniger als Kri­tik­er, son­dern, so liest man, eher als Kul­turver­mit­tler. Er will Laune machen und Lust auf Kul­tur. Und er sei, so schreibt er ganz unge­niert, zum Staunen geboren: „Staunen will gel­ernt sein.“ Klaus Gei­t­els Haupt­maxime ste­ht auf Seite 184: „Ich lobe gern! … Das liegt eigentlich daran, weil ich noch zu der Gen­er­a­tion gehöre, die zu loben ver­stand. Für mich ist die Haup­tar­beit des Kri­tik­ers zu loben. Über das bißchen, was mißrät, kann man ja hin­weghören.“
Ein anfecht­enswert­er Punkt, der alle Kri­tik grund­sät­zlich in Frage stellt. Was soll Kri­tik denn, wenn sie nur lobt? Kein Wun­der, dass Klaus Gei­t­el alle und jeden ken­nt. Und alle lieben ihn, sitzen gern mit ihm auf dem Sofa und laden ihn gerne ein. Und er ließ und lässt sich auch gern ein­laden, ob von Her­bert von Kara­jan, der Begum oder Götz Friedrich, dem ein­sti­gen Inten­dan­ten der Deutschen Oper Berlin, zu dessen Haus­po­et Klaus Gei­t­el avancierte. „Das Leben“, so liest man, „schien mir immer wieder einen roten Tep­pich unter die Füße gerollt zu haben.“ Freude schön­er Göt­ter­funken! Klaus Gei­t­el ist kein musik­wis­senschaftlich fundiert­er Beckmess­er oder Hanslick wie beispiel­sweise Hans Heinz Stuck­en­schmidt oder Joachim Kaiser. Besser­wis­serei sei aller Laster Anfang, so meint Gei­t­el. Und schließlich „mache die Nase den Kri­tik­er“.
Klaus Gei­t­el ist, was der Berlin­er eine Plaud­er­tasche nen­nt. Und er kann so dahin­schreiben, keine Frage! Über seine jour­nal­is­tis­chen Grund­sätze kann man allerd­ings unter­schiedlich­er Mei­n­ung sein. Jeden­falls ist er ein Fos­sil unter den Großkri­tik­ern. In seinen Erin­nerun­gen hat er das Panora­ma eines im Grunde auf der Suche nach sich selb­st zum rast­losen Wel­tenbumm­ler und Berühmtheit­en-Samm­ler mutierten Fah­nen­fab­rikan­ten ent­wor­fen. Was daran Dich­tung und Wahrheit ist? Wer weiß es? Und wen inter­essiert es? Die very impor­tant Peo­ple der inter­na­tionalen Kul­turszene wer­den zu Dutzen­den aufge­lis­tet. Alle natür­lich im läs­sig pri­vat­en Umgang mit dem Kri­tik­er. Bloßes Name-drop­ping!
Man erfährt nichts Neues oder Inter­es­santes. Über die beson­dere Wertschätzung einiger weniger Sänger kann man sich nur wun­dern, etwa im Falle von Karen Arm­strong, der sin­gen­den Gat­tin Götz Friedrichs. Unbe­deu­ten­des wird kaum von Bedeu­ten­dem unter­schieden in diesem Buch. Auch wenn sich alles um den Autor dreht: Eine wirk­liche Auto­bi­ografie legt Klaus Gei­t­el nicht vor. Das „Dritte Reich“, in dem die väter­liche Fah­nen­fab­rik flo­ri­erte, ist fast Neben­sache, die lakonisch, ja zynisch abge­tan wird. Bal­let­tauf­führun­gen, Cham­pag­n­erge­lage, Anek­doten über Gott und die Welt ste­hen im Zen­trum. Dabei hal­ten sich Bin­sen­weisheit­en und leicht Amüsantes die Waage. Über Pri­vates wird vornehm geschwiegen, lei­der.
Wer etwas über den Men­schen Klaus Gei­t­el erfahren will, wer per­sön­liche, ja beken­nt­nishafte Erin­nerun­gen an ein Kri­tik­leben im let­zten hal­ben Jahrhun­dert erwartet, der wird ent­täuscht. Aber wer Thomas Bern­hards knorzig-kauzige Typen­lehre der men­schlichen Orig­i­nale zu schätzen weiß, der kommt auf seine Kosten in diesem Buch, von einem der
eigen­willig­sten Alt­meis­ter unter den Musikkri­tik­ern geschrieben, der noch immer, mit 81, nicht genug hat von seinem Beruf:
„Es fällt mir ’n bißchen schw­er, mich heutzu­tage noch in Auf­führun­gen zu bewe­gen, die mir nicht genehm sind oder von denen ich mir nicht viel erwarte. Aber ich hoffe immer, daß es noch bess­er ist, als es dann am Ende her­auskommt. Und es lang­weilt dann ein bißchen mit der Zeit. Mitunter haue ich auch jet­zt schon in der Pause ab.“
Dieter David Scholz