Elena Yakovich
Zu zweit
Irina Antonowna Schostakowitsch – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch; aus dem Russischen von Mark Heyer
Über 50 Jahre ist Dmitri Schostakowitsch nun nicht mehr unter uns. Seine Witwe Irina Antonowna Schostakowitsch jedoch lebt noch; sie ist 90 Jahre alt. Lange hatte sich die Kulturjournalistin Elena Yakovich gewünscht, mit Irina Antonowna zu sprechen und mit ihr einen Film über das Leben mit Schostakowitsch zu drehen, doch die Witwe war nicht daran interessiert. Erst zur Coronazeit, die beiden Frauen waren immer noch in Kontakt, änderte sie ihre Meinung: Aus dem Material eines einzigen durcherzählten Tages entstand dann Yakovichs Film Two. The Story Told By Shostakovich’s Wife.
Von den zahlreichen gesprochenen Textpassagen konnten für den Film aber nur einige verwendet werden. Elena Yakovich hat nun in dem Buch Zu zweit die gesamten Erzählungen von Irina Antonowna verwendet.
Seit dem Tod des Komponisten sind viele seiner diversen Korrespondenzen veröffentlicht worden und geben Auskunft über den Privatmenschen Schostakowitsch. Erinnerungen eines Familienmitglieds in Buchform gab es aber bislang noch nicht. Da stellt sich zuerst die Frage: Erfahren wir etwas Neues über ihn? Nicht wirklich. Seine vielen Querelen mit dem Regime, die Schwierigkeiten bei Uraufführungen – das war ebenso bekannt wie sein Einsatz für gefährdete Kollegen. Allerdings erfahren wir hier auch, wie der Komponist mit den Schwierigkeiten umging. Schostakowitschs Lakonik, die sich auch in seiner Musik äußert, machte auch vor Personen, die er eigentlich schätzte, keinen Halt. Vor einem angekündigten Besuch der von ihm tief verehrten Dichterin Anna Achmatowa im Hause Schostakowitsch bemerkte er zu seiner Frau: „Glaubst du denn, eine Schönheit wird hier auftauchen? Da kommt eine Alte in irgendwelchen Lumpen.“
Von mindestens ebenso großem Interesse sind Irina Antonownas Berichte der Geschehnisse aus dem Zweiten Weltkrieg – noch bevor sie ihren Mann kennenlernte. Das trostlose Aufwachsen unter der Doppelbelastung von Diktatur und Krieg, die permanente Gefahr des Hungertods, dem sehr viele zum Opfer fielen – all das wird von Irina mit schonungslosem Realismus beschrieben. Gerade durch die ungeschminkte Kunstlosigkeit ihrer Erzählung erstehen diese Zeiten plastisch vor Augen.
Natürlich gibt es auch einen umfangreichen Bildteil mit größtenteils unbekannten Fotos – zumeist aus dem Privatleben des Ehepaars. Auf diesen gestattet sich der sonst oft so gequält dreinblickende Schostakowitsch tatsächlich öfter einmal ein entspanntes Lächeln.
Schade ist lediglich, dass auf ein Register verzichtet wurde.
Thomas Schulz


