Claudia Kayser-Kadereit, Lukas Lessing (Hg.)
Zu Unrecht vergessen?!
Otto Nicolai (1810–1849). Ein Komponistenporträt in Seminar und Konzert
Der Name Otto Nicolai ist heute untrennbar mit der Geschichte der Wiener Philharmoniker und deren Gründung im Jahre 1842 verbunden. Und das mit Recht. Verdankt die Musikwelt doch seinem Wirken die Entstehung des Spitzenorchesters. So berechtigt es ist, Nicolai als Gründer der Wiener Philharmoniker zu feiern, so ungerecht ist es zugleich, sein Wirken darauf zu beschränken, denn sein Erbe geht weit über sein Wiener Engagement hinaus.
An diesem Punkt setzt der vorliegende Sammelband an, der auf einem Seminar am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik an der Universität Osnabrück basiert. In der Einleitung beschreibt die (Mit-)Herausgeberin Claudia Kayser-Kadereit ausführlich den Weg, an dessen Ende nun die vorliegende Publikation steht. Aus den Seminarbeiträgen engagierter Studierender ist der Sammelband erwachsen. Als hilfreich für die Nutzung des Bands erweist sich der biografische Überblick zu Beginn, welcher gerade bei einer weniger bekannten Persönlichkeit vorab eine Orientierung ermöglicht.
Gleich der erste Beitrag zum frühen Werdegang Nicolais legt interessante biografische Details offen: An der Berliner Singakademie – bei Direktor und Goethe-Freund Carl Friedrich Zelter – war er Studienkollege von Felix Mendelssohn Bartholdy; auch wenn die persönlichen Lebenswege der beiden jungen Musiker „gegensätzlicher kaum hätten sein können“: Während Mendelssohn einer wohlhabenden Familie entstammte und bereits auf eine exzellente Ausbildung zurückblicken konnte, waren die Voraussetzungen für Nicolai, der zeitweise bei Pflegeeltern aufwuchs, eher bescheiden. Mehrere Beiträge des Bands widmen sich Nicolais Rolle als Komponist. So beleuchten Annegret Kelsch und Jan Lehmann in ihren Aufsätzen Nicolais Liedschaffen; Letzterer auch durch eine musikanalytische Untersuchung des Lieds Die Thräne op. 30, wobei die Untersuchungskriterien im Zuge des Aufsatzes zunächst transparent und fundiert entwickelt werden. Ebenso finden sich Aufsätze zu Nicolais Klavier- und Kammermusik. Auch Nicolais Wiener Engagement wird in einem weiteren Text umfassend dargestellt.
Der letzte Beitrag von Imke Schwarzbauer beschäftigt sich schließlich mit den Möglichkeiten, Otto Nicolai zum Gegenstand des schulischen Musikunterrichts zu machen. In einer Zeit, in der es geistes- und kulturgeschichtliche Inhalte schwer haben, sich im Schulunterricht gleich welcher Schulform zu behaupten, ist dieser abschließende Aufsatz in seiner Wichtigkeit somit nicht zu unterschätzen.
Allerdings hätten ein Namensregister und ein Werkverzeichnis diese überaus informative Publikation zusätzlich abgerundet und wären wünschenswert gewesen.
Bernd Wladika


