Gastón Fournier-Facio (Hg.)

Zu Besuch bei Hans Werner Henze

Die Villa „La Leprara“ in den Castelli Romani aus dem Italienischen von Julia Elisabeth Hartmann, mit Fotografien von Anton Giulio Onofri

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Timía Edizioni, Rom
erschienen in: das Orchester 9/2026 , Seite 73

Eine vergangene Welt präsentiert der vorliegende Band zur Eröffnung der Reihe „Häuser großer Komponisten“. 1966 hatte Hans Werner Henze von dem Honorar für die Oper The Bassarids in der Nähe von Marino südlich von Rom eine Villa im lokaltypischen Stil bauen lassen, in der er komponierte, Künstler:innen, Musiker:innen und Prominente empfing und in der er vor allem lebte – über viele Jahre zusammen mit seinem Partner Fausto Moroni Henze. Henzes Assistent Michael Kerstan, heute Vorstandsvorsitzender der Hans Werner Henze-Stiftung, hat den Komponisten als „anspruchsvoll, fordernd, großzügig und loyal“ bezeichnet und es war an Kerstan, nach Henzes Tod 2013 „La Leprara“ so zu bewahren, wie Henze sie konzipiert und in ihr gelebt hatte.
2018 fotografierte Anton Giulio Onofri La Leprara im damaligen Zustand – ein Glücksfall, musste die Villa doch 2021 aufgrund hoher Unterhaltungskosten und wegen ungenügenden Interesses der Politik veräußert werden. La Leprara zu einem Studienzentrum – vergleichbar der Casa di Goethe in Rom oder einem Zentrum kulturellen Austauschs wie William Waltons Wohnsitz La Mortella auf der Insel Ischia im Golf von Neapel – zu machen, bestand kein hinreichendes Interesse. Das Haus steht in einem Anwesen mit beeindruckendem Baumbestand, der bis in die Renaissance-Zeit zurückreicht: Ein herrlicher Olivenhain reicht bis ans Haus und verschiedene verborgene und verwunschene Plätze laden zum Verweilen ein. Das Gelände verfügt ebenso über einen Swimmingpool und überdachte Boccia- und Tennisplätze. Hans Werner Henze schätzte die „Kunst des guten Lebens“. Auf dem über ein Hektar großen Gelände ließ er unter anderem Wein, Oliven und Obst anbauen. Besondere Erwähnung verdient auch sein auf dem Grundstück liegender Weinkeller (vermutlich das Refektorium eines frühmittelalterlichen Klosters), der zu geselligen Runden einlud.
Das Haus selbst verfügte über großzügige Empfangsräumlichkeiten, einen opulenten Gästetrakt und eine riesige Bibliothek (die 2021 der Bibliothek des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Paderborn/Hochschule für Musik Detmold als Zustiftung übergeben wurde). Alle Räume waren (ähnlich dem „Red House“ von Benjamin Britten und Peter Pears in Aldeburgh) überreich gefüllt mit Kunstwerken (gegenwärtig eingelagert). Henze war ein großer Sammler und malte auch selbst, er war neugierig in vielerlei Hinsicht, was sich auch überall auf dem Anwesen niederschlägt. Vieles in Haus und Garten verströmte Zauber und Charme. Vieles blieb gut instandgehalten, anderes verfiel dem Vergessen anheim. Es ist gut, dass dieses Lesebuch, ursprünglich 2021 auf Italienisch veröffentlicht, wenigstens einen Abglanz der Aura des Komponisten vermitteln kann.
Jürgen Schaarwächter

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