Beaumont, Antony

Zemlinsky

Biographie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Zsolnay, Wien 2005
erschienen in: das Orchester 04/2006 , Seite 85

Wie der Autor, so sein Buch! Antony Beau­mont hat sich auf vielfältig­ste Weise um Alexan­der Zem­lin­sky ver­di­ent gemacht. Mit der Tschechis­chen Phil­har­monie hat er die Sin­fonik einge­spielt und so den Erörterun­gen seines Buchkapi­tels „Auf­führung­sprax­is“ die prak­tis­che Ergänzung geliefert. Er hat das Noten­ma­te­r­i­al viel­er Werke ein­er kri­tis­chen Revi­sion unter­zo­gen, hat Ver­schol­lenes zu Tage gebracht und mit der Rekon­struk­tion des König Kan­daules dieser Oper 1996 in Ham­burg nachträglich den Urauf­führungser­folg ver­schafft. Und seine gründlichen Recherchen hat­ten die Her­aus­gabe von Alma Mahlers Tage­buch-Suite als Neben­sache und diese grandiose Zem­lin­sky-Biografie als End­pro­dukt zum Ergeb­nis. 2001 lag sie in englis­ch­er Sprache vor und die erweit­erte und verbesserte deutsche Fas­sung kann nun als Stan­dard­w­erk gel­ten.
Wenn Beau­mont fest­stellt, dass Zem­lin­skys Pop­u­lar­ität – ähn­lich wie die Schrek­ers oder Korn­golds – seit drei Jahrzehn­ten kon­tinuier­lich und enorm gewach­sen ist, dann darf er für sich gel­tend machen, dabei als Diri­gent, Musikologe und Biograf mit­gewirkt und zum Ver­ständ­nis der exis­ten­tiellen, schaf­fen­spsy­chol­o­gis­chen, ästhetis­chen und sozialen Aspek­te des Phänomens Zem­lin­sky, des Fin de siè­cle und der Wiener Mod­erne beige­tra­gen zu haben.
Ganz gle­ich, welche Anforderun­gen man also stellen mag – dieses Buch erfüllt sie alle. Es erweist sich erschöpfend und neu als Lebens­beschrei­bung und Zeit­doku­ment; es gibt Auskun­ft zur Per­sön­lichkeit und deren Agieren in wech­sel­nden gesellschaftlichen, poli­tis­chen und kün­st­lerischen Feldern. Es ver­tieft sich in das Schaf­fen und in kul­tur­the­o­retis­che Erörterun­gen; wid­met sich dabei den Werken aber eher punk­tuell, um doch an einem Lied-Beispiel mod­ell­haft das gesamte Instru­men­tar­i­um der musikalis­chen Analyse vorzuführen. Es legt Gemein­samkeit­en zwis­chen ihnen offen und spürt Verbindun­gen zu den Zeitgenossen auf. Es liefert mit vie­len Zitat­en und authen­tis­chen Äußerun­gen eine orig­inell auf­bere­it­ete und gewichtete Text-Melange von inti­men Ein­blick­en und Auskün­ften, von Wis­senschaft und Unter­hal­tung, von Tief­sinn und Tratsch. Und das alles richtig zu sein­er Zeit und am recht­en Ort!
Da erleben wir sie höchst lebendig: Brahms und den vergöt­terten Gus­tav Mahler als Förder­er; Alma Mahler, die viel begehrte und selb­stver­liebte Muse; die „Schüler“ Korn­gold und Schön­berg. Die ersten Erfolge als Diri­gent und Kom­pon­ist in Wien; die frucht­baren Jahre als ange­se­hen­er Opernchef und Ver­fechter der Mod­erne am Prager Deutschen The­ater; das inter­na­tion­al viel beachtete Wirken an der Berlin­er Kroll-Oper; schließlich das Ende des vere­in­samten Emi­granten in New York.
Dann – nach dem Krieg – die staunende Wieder­ent­deck­ung der Büh­nen- und Orch­ester­w­erke, der Kam­mer­musik und der Lieder. Der Autor befragt sie inten­siv nach dem Zusam­men­hang von Leben und Kun­st; seine Erken­nt­nisse bringt er dem Leser facetten­re­ich und ein­dringlich nahe. Was sich dabei als schlüs­sige Darstel­lung und Inter­pre­ta­tion ergibt, wird durch über hun­dert Seit­en Anhang fak­ten­re­ich unter­stützt. Biografie, Kul­turgeschichte, Musik­führer, Auf­führung­shil­fe – umfassender und sou­verän­er geht es kaum! Beau­mont macht im großen Rah­men ein­sichtig, was der Dichter Franz Wer­fel, die Per­son und den unüber­hör­bar zarten Ton der Musik vor Augen, in einen kleinen Satz gefasst hat: „Wenn ich die Men­schen an mir vorüberziehen lasse, denen ich gesteigerte Leben­saugen­blicke als höch­sten Dank schulde, so ist Alexan­der Zem­lin­sky unter den weni­gen ein­er der deut­lich­sten.“
Eber­hard Kneipel