Mateusz Borkowski
Zauberer der Geige
Henryk Wieniawski – Leben und Zeit
Seine Etüden und Capricen gehören noch heute zum Fundament jeder geigerischen Ausbildung und der nach ihm benannte Internationale Violinwettbewerb in Poznań zählt zu den wichtigsten der Welt: Der polnische Geiger und Komponist Henryk Wieniawski (1835-1880) ist eine ebenso wesentliche wie schillernde Figur der Musikgeschichte. Jetzt erschien diese willkommene polnische Monografie von 2022 erstmals in deutscher Übersetzung. Mateusz Borkowski berichtet über Wieniawskis ebenso kurzes wie bewegtes Leben, insbesondere über die Ausbildung in Paris, die Jahre in Sankt Petersburg und seine Lehrtätigkeit am Konservatorium in Brüssel, vor allem aber die rastlose Konzerttätigkeit in ganz Europa und Nordamerika mit all ihren Strapazen.
Als kurzweilige Biografie ist dieses neue Buch vorzüglich und empfehlenswert. Wunderbar, wie am Wegesrand noch die kleinsten (kultur)historischen Hintergründe und Zusammenhänge beleuchtet werden. Besonders erfreulich erscheinen die vielen anschaulichen und lebhaften Zitate aus oft entlegenen Quellen, in vielen Fällen hier auch erstmals übersetzt. Schade nur, dass über Wieniawskis Kompositionen eher wenig gesagt wird, am meisten noch über seine Fantaisie brillante sur „Faust“ op. 20 nach Motiven der gleichnamigen Oper von Charles Gounod sowie die beiden Konzerte für Violine und Orchester. Das erste (in fis-Moll op. 17) wurde in Leipzig uraufgeführt, mit dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Ferdinand David; das zweite (d-Moll op. 22) hatte seinen Durchbruch mit einem denkwürdigen Konzert in Moskau, dirigiert von keinem Geringeren als Richard Wagner. Wieniawski markierte musikhistorisch den Übergang von einem Virtuosen, der nur für den eigenen Gebrauch komponierte (wie sein großes Vorbild Niccolò Paganini) zu einem „richtigen“ Komponisten, der fast ausschließlich für sein eigenes Instrument teils tiefgründige Werke schuf, die aber nun umgehend gedruckt und auch von anderen Virtuosen aufgeführt wurden, ähnlich wie bei seinem unmittelbaren Vorgänger Henri Vieuxtemps.
Aufschlussreich erscheint auch das Kapitel über „Das Teufelswerkzeug“, nämlich die von Wieniawski gespielten Instrumente, darunter vier von Antonio Stradivari und je eines von Giovanni Battista Guadagnini sowie den beiden Brüdern Giuseppe und Pietro Guarneri – mehrere davon tragen inzwischen den Beinamen „Wieniawski“. Als Ausführender soll er das Publikum mit einer vollkommenen Synthese aus der Klarheit der klassischen Schule und der Leidenschaft der Romantik betört haben, außerdem mit seiner Ausstrahlung und seinem unerschütterlich heiteren Gemüt.
Ingo Hoddick


