Zhu Shaoyu

You and me — A Peking Opera

China National Centre for the Performing Arts, Peking

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Accentus Music ACC 20130
erschienen in: das Orchester 05/2017 , Seite 71

Der Musik­the­ater­fre­und besucht auf ein­er Chi­na-Reise natür­lich neugierig in einem der vie­len neuen, architek­tonisch spek­takulären Zen­tren für Darstel­lende Kün­ste eine echte Peking-Oper. Prompt muss er sich zusät­zlich informieren, ob er eine Kun‑, Sichuan‑, Qin‑, Ping- oder Yu-Oper besucht – und wird den­noch befremdet erstaunt sein, wie rit­u­al­isiert fest­gelegt Fig­uren, Masken, Kostüme, Gesten und Bewe­gun­gen sind, wie wenig er let­ztlich versteht.
Da in diesen Opern­häusern inzwis­chen viele Werke des europäis­chen Reper­toires bis hin zu Wag­n­ers Ring neu inter­pretiert wer­den, fühlen sich her­aus­ra­gende chi­ne­sis­che Kün­stler her­aus­ge­fordert, ihre eigene Opern­tra­di­tion aus den als allzu streng emp­fun­de­nen Form­fes­seln zu lösen. Wenn also ein inter­na­tion­al renom­miert­er Film­regis­seur wie Zhang Yimou (u.a. Rotes Korn­feld, House of Fly­ing Dag­gers) ins Pekinger Nation­al Cen­ter for Per­form­ing Arts geholt wird, um die neue Oper Zhu Shaoyus, eines anerkan­nten ein­heimis­chen Kom­pon­is­ten und Diri­gen­ten, zu insze­nieren – wenn die Aufze­ich­nung dieser Pro­duk­tion gezielt in den west­lichen Ver­trieb aufgenom­men wird –, dann ist Beson­deres zu erwarten.
Geblieben ist zunächst das Orch­ester mit den klas­sis­chen chi­ne­sis­chen Instru­menten, also dem raf­finiert abgestuften Schlag­w­erk von Holzstäben über Glock­en und Gong hin zu Trom­meln, die auch Dialoge rhyth­misch struk­turi­eren. In den Zwis­chen­spie­len der fünf Akte und beim Gesang kom­men die eben­falls typ­is­chen Sait­en- und Blasin­stru­mente hinzu – vom Bild­schnitt immer wieder einge­blendet. Ergeb­nis ist ein für west­liche Ohren dann auch typ­is­ch­er Chi­na-Opern-Klang mit pen­ta­tonis­chen Lin­ien. Vokal dominieren hohe Stimm­la­gen, auch bei den Män­nern und in den Chören. Erzählt wird eine Adap­tion der ural­ten Zuo-Leg­ende Lord Zheng besiegt Duan in Yan, in der nach Auf­s­tand, Sieg und Festmahl vor allem die Ver­söh­nung von Mut­ter und Sohn, also der Wert der Fam­i­lie und die Kindesliebe im Finale dominieren – wom­öglich eine in Chi­na „mod­erne“ und sog­ar „poli­tis­che“ Aussage.
Szenisch baut Regis­seur Yimou auf der aus den Anfän­gen der Gat­tung über­liefer­ten Deko­ra­tion von zwei roten Stühlen und einem roten Tisch auf. Zeit­genös­sisch mod­ern wer­den deren Umrisse dann aber per Pro­jek­tion und ver­größerten Balkenkon­struk­tio­nen – Szenen­beifall – zu Palast­mauern, Toren und Sälen mit unter­schiedlichen Eingän­gen verändert.
Rol­len­typ­is­che, fast masken­hafte Gesichts­malerei bis zur Entin­di­vid­u­al­isierung, faszinierende Kostüm­pracht und rit­u­al­isierte Per­so­n­en­führung sind auch in diesem Ver­such der Ver­schmelzung von Tra­di­tion und Mod­erne geblieben. Folge: Auch wenn der west­liche Opern­fre­und zuerst die Doku­men­ta­tion mit ihren Erläuterun­gen ansieht – trotz deutsch­er Unter­ti­tel bleibt der Ein­druck ein­er reizvollen Fremdheit.
Wolf-Dieter Peter