Wagner, Manfred

Wolfgang Amadeus Mozart

Werk und Leben

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Edition Steinbauer, Wien 2005
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 77

Wer ein Buch über Mozart schreibt, hat es schw­er. Er muss eine unge­heure Zahl von Werken, Inter­pre­ta­tio­nen und Veröf­fentlichun­gen wenig­stens einiger­maßen ken­nen, er muss aus diesem immensen Mate­r­i­al eine sin­nvolle Auswahl tre­f­fen und es unter Aspek­ten zusam­men­fassen, die das Pub­likum inter­essieren. Der Kunst‑, Bildungs‑, Medi­en- und Rezep­tions­forsch­er Man­fred Wag­n­er, Ordi­nar­ius für Kul­tur- und Geis­tes­geschichte in Wien, erfüllt alle diese Voraus­set­zun­gen in weitestem Maße und er weiß um die Schwierigkeit sein­er Auf­gabe: „Was also kann ein neues Mozart-Buch bieten? Es existieren derzeit schon rund 12000 Pub­lika­tio­nen und wer­den wie immer in Jubiläum­s­jahren sich um ein- bis zwei­hun­dert ver­mehren.“
Seine Antwort bewegt sich im Feld elo­quent vor­ge­tra­gen­er Syn­the­sen aus Lebens- und Werkbeschrei­bun­gen, zeit­genös­sis­chen Zitat­en ein­schließlich viel­er auf­schlussre­ich­er Brief­stellen aus Mozarts reich­haltiger Kor­re­spon­denz und neueren Forschungsergeb­nis­sen aus der Päd­a­gogik, der Psy­cholo­gie, der Ästhetik und den Sozial­wis­senschaften. Er ver­sucht dem­nach, das kom­plexe Phänomen Mozart in ein Bezugs­di­a­gramm zu stellen, das dem intellek­tuellen Kun­stin­ter­essierten unser­er Tage im Prinzip ver­traut ist, das durch Man­fred Wag­n­ers Aus­führun­gen jedoch an Ein­dringlichkeit dur­chaus zu gewin­nen ver­mag, wenn man allein an die Fülle von aufge­lis­teten Namen mehr oder weniger ein­flussre­ich­er Per­sön­lichkeit­en aus Mozarts Umge­bung denkt oder an die ger­adezu verblüf­fende Ken­nt­nis und Charak­ter­isierung von Rol­len­in­ter­pre­ta­tio­nen – Osmin, Figaro, Don Gio­van­ni u.a. – der ver­gan­genen dreißig Jahre durch Sänger und Regis­seure, die in dem Buch zutage tritt.
Biografisch akzen­tu­iert Wag­n­ers Auswahl aus den bekan­nten Fak­ten einige Phasen der Kind­heit Mozarts und die bedeu­tungsvollen Jahre sein­er freikün­st­lerischen Exis­tenz ab 1781 in Wien. Unter den Werken faszinieren den Autor offen­sichtlich die Opern am meis­ten. Und ger­ade hier dürfte sich die Fasz­i­na­tion auch auf viele Leser über­tra­gen. Da Mozart erwiesen­er­maßen an der Textgestalt und am ideellen Zuschnitt sein­er reifen Büh­nen­werke erhe­blichen Anteil hat­te, ist es sicher­lich legit­im, sozi­ol­o­gis­che, psy­chol­o­gis­che, anthro­pol­o­gis­che und zeitkri­tis­che Inten­tio­nen aus ihnen abzuleit­en, die dazu beitra­gen, Mozart als Kün­stler und aktu­al­itäts­be­wussten Men­schen in den Rang ein­er sin­gulären und epochalen Per­sön­lichkeit zu erheben.
Das Buch schließt mit einem umfänglichen und infor­ma­tiv­en Kapi­tel über „Mozart-Inter­pre­ta­tio­nen heute“. Hier wer­den zen­trale Ten­den­zen unser­er Zeit – „die Ästhetisierung der Umwelt“, „die Kul­turierung des All­t­ags“, „die Psy­chol­o­gisierung unser­er Gesellschaft“, „die Ver­wis­senschaftlich­tung“, „die Werte­suche“, „der Ökolo­gi­etrend“ und „die Akzep­tanz der Moder­nität“ – auf das Schaf­fen von Kün­stlern und dessen Rezep­tion hin ange­sprochen. Der generelle Duk­tus sein­er Äußerun­gen in diesem Teil lässt dem Autor den­noch Raum, immer wieder zu Mozart zurück­zukehren und ihn bzw. sein Werk aus heutiger Sicht als Muster­beispiel für das Ver­ständ­nis viel­er solch­er Ten­den­zen darzustellen.
Ein aus­führlich­er Anhang (34 Seit­en) – voll­ständi­ges Werkverze­ich­nis, disko­grafis­che Empfehlun­gen, Zeittafel mit Hin­weisen auf poli­tis­che und andere flankierende Ereignisse, aus­gewählte Lit­er­atur – macht das Buch für den Leser, der entsprechende Veröf­fentlichun­gen nicht zur Hand hat, zusät­zlich wertvoll.
Peter Schnaus