Michaela Fridrich, Michael Schmidt (Hg.)
Wo spielen die Töne?
Musikorte für alle
Wo und wie kann Musik außerhalb der üblichen Aufführungsstätten für mehr Menschen zugänglich gemacht werden? Hierum ging es beim Fachforum der Friedrich-Ebert-Stiftung im November 2023. Stichworte waren „Klang-Orte und Spiel-Räume für alle, Aufbruch – Neuland – Partizipation – Offenheit“. In Taschenbuchform sind Vorträge hochrangiger Referent:innen abgedruckt bzw. durch Beiträge weiterer Autor:innen ergänzt.
Um es vorweg zu nehmen: Die Lektüre lohnt sich unbedingt. Geht es doch auch darum, mit welchen Formaten und in welchen (noch zu erschließenden) Orten auch Orchester neue Zuhörergruppen erreichen können. Carsten Brosda, Hamburger Kultur- und Mediensenator sowie Präsident des Deutschen Bühnenvereins, erläutert, wie in Hamburg versucht wird, die Elbphilharmonie für Menschen in der gesamten Stadt attraktiv und zugänglich zu machen. Daneben sei aber auch eine breite, private Clubszene wichtig. „Diese Infrastruktur zu gewährleisten, ist Aufgabe staatlicher Kulturförderung“, liest man zustimmend. Sara Arnsteiner-Simonischek, Kommunikationschefin des Konzerthauses Berlin, erklärt anhand erfolgreicher Praxisbeispiele, wie es am Konzerthaus gelungen ist, über digitale und virtuelle Räume neue Zugänge zur klassischen Musik zu schaffen. Die Herausforderung liege darin, neue Technologien zu nutzen, um Barrieren abzubauen, „ohne dabei das authentische Live-Erlebnis zu ersetzen“.
Dorothea Kolland, langjährige Kulturamtsleiterin in Berlin-Neukölln, beschreibt, wie sich Kulturorte in einem stark migrantisch geprägten Bezirk mit über 330000 Einwohnern entwickelt haben, vom „Heimathafen“ bis zur „Neuköllner Oper“, und welche Herausforderungen das für eine kommunale Kulturpolitik mit sich bringt. Dazu passt auch der Beitrag von Mustafa Akca, seit 2011 für das Programm „Selam Opera!“ der Komischen Oper verantwortlich. Er fasst seine Erfahrungen zusammen, die Komische Oper für eine migrantisch geprägte Bevölkerung zugänglich zu machen. Wenn man die Menschen dort abhole, wo sie seien, würden „sie überall hin mitgehen, vor allem an einen gemeinsamen Ort der Musik“.
Für Orchester besonders interessant ist vielleicht der Beitrag von Gunter Pretzel, Kammermusiker und ehemaliges Mitglied der Münchner Philharmoniker. Bei „Grand Vibe Station“ im Oktober 2024 war das gesamte Orchester in eine Raum-/Klanginstallation im Gasteig HP8 involviert, bei der kurze zeitgenössische Orchesterwerke mit Kammermusik von Barock bis Moderne und Lichtprojektionen kombiniert wurden und damit ein völlig neuartiges Musikerlebnis schufen. Es gibt viele Optionen, Musik an neuen Orten neuen Zuhörer:innen nahezubringen
Gerald Mertens


