Theodorakis, Mikis

Wo find ich meine Seele?

Lieder von Krieg und Frieden

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Unicorno Records UR 34034, 2 CDs
erschienen in: das Orchester 06/2010 , Seite 68

Lieder von Krieg und Frieden, geschrieben von Mikis Theodor­akis, nachgedichtet von Paul Hoorn, gesun­gen in deutsch­er Sprache, einge­spielt von der Gruppe „Das blaue Ein­horn“. Die Kan­tate Mau­thausen, Anne Frank-Ibrahim-Emil­iano…
Was für eine Dop­pel-CD halte ich da in Hän­den? Was sind das für Lieder? Um es kurz zusam­men­z­u­fassen: Diese Ein­spielung will die bei­den Zyklen Ta Lyri­ka und Axion esti inhaltlich und stilis­tisch vere­inen. Kein leicht­es Unter­fan­gen, denn es han­delt sich bei diesen Werken um einen sehr kun­stvollen poly­fo­nen Chorzyk­lus und ein Volk­so­ra­to­ri­um für Solis­ten, Chor und Orch­ester. Demge­genüber ste­ht die Beset­zung des Blauen Ein­horns: eine Sän­gerin, ein Sänger am Akko­rdeon, eine Gitarre, eine Vio­line, ein Kon­tra­bass. Und dann noch die große Her­aus­forderung, die beein­druck­enden und extremen Texte aus dem Griechis­chen ins Deutsche zu über­set­zen.
Extreme Texte, die jeden füh­len­den deutschen Hör­er an Herz und Seele pack­en: „Ihr Mäd­chen von Auschwitz, von Dachau ihr Mäd­chen, habt ihr nicht meine Geliebte gesehn…wir sahen sie auf einem kalten Platz stehn mit ein­er Num­mer auf dem weißen Arm und einem gel­ben Stern auf ihrem Herzen…und niemals wird jemand wieder sehen, wie schön du bist.“ „Ach, welche Toten­stille herrscht im Land der großen Dichter jet­zt! Man zeigt ihn an bei der SS und hin zum Gal­gen führten ihn die Mörder jet­zt.“ Es fällt mir schw­er, mich bei diesen erschüt­tern­den Tex­ten auf einen musikkri­tis­chen Hörein­druck einzu­lassen, doch es sei ver­sucht. Wie klingt das Ganze also?
Sofort entste­ht der Ein­druck, diese Musik­er sind nicht im Konz­ert­saal, son­dern z.B. auf einem Folk­fes­ti­val zu Hause. Nicht auf den aus­ge­bilde­ten Ton der Trompete, nicht auf ein volles Stre­ichervi­bra­to und nicht auf die aus­ge­wo­gene Anschlagskul­tur des Gitar­ris­ten kommt es hier an, son­dern auf das unmit­tel­bare Erleben der Musik – und ihren textlichen Inhalt. Der dem Chan­son ver­haftete Gesang des Pro­tag­o­nis­ten Paul Hoorn passt dazu, wie auch die natür­lich und unver­bildet tönende Stimme von Karoli­na Petro­va. Bei der Auf­nah­me­tech­nik ver­lässt sich die Gruppe auf eigene Kräfte: Die CDs wer­den im „hau­seige­nen“ Ton­stu­dio vom Grup­pen­mit­glied Andreas Zöll­ner pro­duziert. Das tut dem unmit­tel­baren Erleben dieser Musik gut. Sie wurde direkt und ohne ver­wis­chende Hall­beimis­chung aufgenom­men. Die beson­dere Fär­bung und Dehnung von Vokalen, aus­geprägte stimm­lose Kon­so­nan­ten, eine Gesangsweise, die dem Chan­son nahe, ein­er klas­sisch aus­ge­bilde­ten Stimme aber weit ent­fer­nt ist, hört man so plas­tisch. Die Musik­er spie­len rhyth­misch immer präzise und aus einem Guss.
Let­ztlich kommt es nicht darauf an, inwieweit das ein­gangs erwäh­nte Unter­fan­gen gelun­gen ist, denn wed­er inter­pre­ta­torisches Kön­nen noch Arrangeurkun­st kön­nen die Schwere dieser Texte durch­drin­gen. Einzig die Liebe, mit der sich „Das blaue Ein­horn“ der Musik wid­met, ver­mag das.
Ulrich Christoph Müller