Casken, John

Winter Reels for ensemble

Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2012
erschienen in: das Orchester 01/2013 , Seite 70

Das Œuvre des britis­chen Kom­pon­is­ten John Casken (geb. 1949) reicht von Kam­mer­musik über Vokal- und Chor­musik bis zu großen sin­fonis­chen Beset­zun­gen und mehreren Opern. Oft­mals sind die poet­is­chen Titel und die Atmo­sphäre sein­er Werke von der Land­schaft und Lit­er­atur Nor­deng­lands inspiri­ert. Auf seinem abgele­ge­nen Wohn­sitz in Northum­ber­land ent­stand auch sein jüng­stes durch Form­strenge und Viel­far­bigkeit gekennze­ich­netes Ensem­blestück Win­ter Reels unter dem Ein­druck des vor dem Fen­ster tanzen­den Win­ters: „Win­ter was reel­ing out­side the win­dow when I was com­pos­ing the work.“
Die ein­dringliche, far­bige und expres­sive Kom­po­si­tion ent­stand 2010 für das englis­che Kam­merensem­ble Psap­pha, seit sein­er Grün­dung 1991 eines der führen­den Ensem­bles für Neue Musik in Eng­land. Das Werk ist für die Beset­zung Flöte, Klar­inette, Klavier, Schlagzeug, Vio­line, Cel­lo kom­poniert und beim Schott-Ver­lag in der Rei­he „Musik unser­er Zeit“ als Stu­di­en­par­ti­tur erschienen. Win­ter Reels beste­ht aus drei Sätzen und dauert ca. 20 Minuten.
„Reels“ sind ursprünglich aus Schot­t­land und Irland stam­mende schnelle tra­di­tionelle Tänze im 2/2‑Takt. In den bewegten Eck­sätzen der Win­ter Reels wird die Idee des Tanzens ganz unmit­tel­bar zum The­ma.
Der erste Satz, „a warm­ing dance“, nimmt aus­ge­hend von drei starken, fan­fare­nar­ti­gen Ein­gangsakko­r­den wellenar­tig immer wieder Anlauf zu schnell pulsenden tri­olis­chen Ket­ten. Indem sich diese Struk­tur erwärmt, dehnen sich die Wellen mit zunehmen­dem Atem über immer län­gere Zeiträume aus, bis der Satz nach einem großen Auf­bau kul­miniert und danach langsam wieder in frag­ile Seg­mente zer­fällt.
Der zweite und langsame Satz, „a cold song“, ist charak­ter­isiert durch die Span­nung zwis­chen hohen Ton­la­gen, welche vor­wiegend durch die Flöte und glock­en­spielar­tig resonieren­des Tuba­fon bes­timmt sind, und auf der anderen Seite durch kantablere, solis­tisch her­vortre­tende Struk­turen für Vio­lon­cel­lo.
Das über­aus lebendi­ge und tänz­erische Finale trägt den Titel „a spir­it­ed gath­er­ing“, was mit „inspiri­erte Zusam­menkun­ft“ über­set­zt wer­den kön­nte. Aus­gelöst durch einen auf­fordern­den, ener­getisieren­den Trom­mel­rhyth­mus set­zen sich ver­schiedene Instru­menten­grup­pen in Bewe­gung. Dabei gibt es Pas­sagen, bei denen die Instru­mente in vir­tu­osen, teil­weise folk­loris­tisch anmu­ten­den Fig­u­ra­tio­nen im rhyth­mis­chen Par­al­lel­gang spie­len, ander­er­seits Stellen, in denen die Instru­mente motivisch und rhyth­misch völ­lig autonom geführt wer­den, um aus dieser Episode der Über­lagerun­gen zur gemein­samen, rhyth­misch homo­ge­nen Ekstase zu find­en.
Win­ter Reels ist sowohl für den einzel­nen Musik­er als auch für das Ensem­ble im kam­mer­musikalisch präzisen Zusam­men­spiel ein anspruchsvolles Werk. Es ist tra­di­tionell notiert und erfordert keine Spezialken­nt­nisse in Nota­tion­skunde oder Spiel­tech­niken der Neuen Musik.
Anja Kleinmichel