Benguerel, Xavier / Manuel de Falla / Fernando García and Ramón Gorigoitia

Winnipeg

Música y Exilio

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 13281
erschienen in: das Orchester 10/2013 , Seite 75

Mit orig­inellen, the­ma­tisch gebun­de­nen Pro­gram­men, in deren Zen­trum die lateinamerikanis­che Kun­st­musik ste­ht, hat das in Weimar ansäs­sige Ensem­ble Iberoamer­i­cana wieder­holt von sich reden gemacht. Der Titel der CD Win­nipeg leit­et sich ab von dem gle­ich­nami­gen Frachtschiff, das im Sep­tem­ber 1939 spanis­che Flüchtlinge nach Chile brachte. Die Erfahrung des Exils verbindet die Werke dieser Ein­spielung, von denen das jüng­ste des chilenis­chen, seit 1983 in Deutsch­land ansäs­si­gen Kom­pon­is­ten Ramón Gorigoitia direkt Bezug nimmt auf das Fluchtun­ternehmen der Win­nipeg.
Die 2010 vom Ensem­ble Iberoamer­i­cana uraufge­führte Kom­po­si­tion ist eine Art Klang­col­lage, die unter Ein­beziehung von Orig­i­nal­doku­menten die Sta­tio­nen der Über­fahrt illus­tri­ert. Den Aus­gangspunkt bilden dabei Frag­mente aus einem Gedicht Pablo Neru­das, die Erin­nerun­gen an seine Zeit in Madrid reflek­tieren und teil­weise vom Dichter selb­st rez­i­tiert wer­den. Weit­ere his­torische Auf­nah­men von Liedern des Wider­stands ver­schmelzen mit den Stim­men zweier Sän­gerin­nen und eines Sprech­ers und wer­den kom­men­tiert von den teils lyrischen, teils geräuschhaften Klän­gen des Instru­men­tal­ensem­bles. Auf etwas plaka­tive Weise verklingt das Werk offen und ver­hal­ten mit der Aufzäh­lung der Namen der Pas­sagiere. Weit­ere zwei Werke wur­den eben­falls 2010 vom Ensem­ble Iberoamer­i­cana uraufge­führt. Eines davon stammt von dem 1931 gebore­nen spanis­chen Kom­pon­is­ten Xavier Benguer­el, dessen Fam­i­lie 1940 Spanien ver­lassen musste. Seine kon­trastre­iche Fan­ta­sia dramàti­ca für sechs Instru­men­tal­is­ten ist nahezu ein vier­sätziges Klavierkonz­ert. Es dominiert eine fil­igrane und atonale Klang­sprache, in der die Klänge wie hinge­tupft erscheinen. Zur gle­ichen Kom­pon­is­ten­gener­a­tion zählt der 1930 geborene Chi­lene Fer­nan­do Gar­cía, der als engagiert­er Kom­mu­nist Chile zur Zeit der Mil­itärdik­tatur ver­lassen musste. Das Werk Nace la auro­ra ori­en­tiert sich sowohl vom Konzept als auch von der Klang­sprache her deut­lich an Schön­bergs 2. Stre­ichquar­tett, wobei der Singstimme ein poet­isch-kämpferisch­er Text aus Neru­das Can­to Gen­er­al zu Grunde liegt. Der zumeist intro­vertierte Quar­tettsatz steigert sich nur beim Kamp­faufruf des Schlusses zu kom­pak­teren Klang­bal­lun­gen.
Etwas über­raschend beschließt Manuel de Fal­las Cem­balokonz­ert aus den 1920er Jahren die Ein­spielung. Plau­si­bel wird dies durch die Tat­sache, dass de Fal­la, der eine ambiva­lente Hal­tung während des spanis­chen Bürg­erkriegs ein­nahm, seinem Land in seinen let­zten Leben­s­jahren aus Ent­täuschung über die poli­tis­chen Entwick­lun­gen den Rück­en kehrte und sich in Argen­tinien nieder­ließ. Sein Konz­ert wurde dabei mit der Ein­bindung von folk­loris­tis­chen Ele­menten in eine an der europäis­chen Mod­erne ori­en­tierten Klang­sprache zu einem wichti­gen Bezugspunkt für die näch­ste lateinamerikanis­che Kom­pon­is­ten­gener­a­tion. Die Auf­nahme präsen­tiert das Werk in der auf den Kom­pon­is­ten selb­st zurück­ge­hen­den Ver­sion als Klavierkonz­ert in ein­er markan­ten, jegliche Roman­tizis­men ver­mei­den­den Inter­pre­ta­tion.
Klaus Angermann