Taffanel, Paul / Samuel Barber / Carl Nielsen

Wind Quintet / Summer Music / Wind Quintet op. 43

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Edition Günter Hänssler/Profil PH08063
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 75

Es war Anto­nio Roset­ti in Oet­tin­gen-Waller­stein, der – anders als Mozart in seinen Bläserser­e­naden – um 1782 zum ersten Mal ein Quin­tett für Flöte, Oboe, Klar­inette, Horn und Fagott (Mur­ray B6) schrieb. Anton Reicha, der zusam­men mit seinem berühmten Onkel Joseph Reicha als dessen Adop­tiv­sohn in jun­gen Jahren einige Zeit am sel­ben Hof im Nördlinger Ries wirk­te, bevor er nach Bonn (wo er Beethoven ken­nen lernte), dann Ham­burg und Wien schließlich 1806 Paris zu seinem neuen Lebens­mit­telpunkt wählte, führte die neue Bläser­for­ma­tion zu klas­sis­ch­er Blüte.
Jahrzehnte später, 1876, schrieb Paul Taffanel, der berühmte Paris­er Flötist, mit seinem frühro­man­tis­chen Bläserquin­tett ein Paradestück vir­tu­os­er Spiel­freude und her­rlich­ster Melo­di­en. Frankre­ich ver­dankt ihm nicht nur eine Renais­sance seines Instru­ments und eine Flöten­schule, die viele berühmte Instru­men­tal­is­ten prägte; Taffanel förderte alle Blasin­stru­mente und grün­dete 1879 die Sociéte des Instru­ments à Vent.
Viele spätere Kom­pon­is­ten wählten diese Quin­tet­tform für stim­mungsvolle Werke, so auch Carl Nielsen, dessen Quin­tett aus dem Jahr 1922 nordisch geprägte Empfind­un­gen in orig­inellen Kon­trasten wider­spiegelt, wenn etwa im Menuett sich jew­eils zwei Instru­mente miteinan­der unter­hal­ten oder im let­zten Satz ein ern­ster Choral elf Mal vari­iert wird – die Viel­far­bigkeit der fünf Instru­mente ist schlichtweg betörend.
Zwis­chen Taffanel und Nielsen ste­ht mit Samuel Bar­bers ein­sätziger Som­mer­musik von 1935 ein inter­es­santes und sel­ten zu hören­des Auf­tragswerk, das beispiel­haft zeigt, wie sich Bar­ber um die Jahrhun­der­twende mit amerikanis­chen Kol­le­gen – Cop­land, Thomp­son und anderen – um eine eigene Musik­sprache bemühte, die krasse Mod­ernis­men ver­mei­det, sich neuen Kom­po­si­tion­stech­niken Europas aber doch nicht ver­schließt und dabei immer wieder Heimatlich-Amerikanis­ches wie Jazz oder Min­i­mal-Music anklin­gen lässt und so seine eigene Klang­sprache entwick­elt.
Das Quin­tett Chan­ti­ly, 2006 beim Inter­na­tionalen Musik­wet­tbe­werb der ARD preis­gekrönt, ern­tet sei­ther inter­na­tionalen Ruhm. Hört man seine Inter­pre­ta­tion dieser drei so unter­schiedlichen Werke, erken­nt man sofort den Grund: In tech­nis­ch­er Per­fek­tion auch in ver­track­testen Pas­sagen ver­mit­telt es die unter­schiedlichen Stim­mungen der in ihren Ton­sprachen und in der Fak­tur der musikalis­chen Aus­sagen so weit auseinan­der liegen­den Stücke bezwin­gend.
Diether Steppuhn