Wilhelm Friedemann Bach

Thematisch-systematisches Verzeichnis der musikalischen Werke (BR-WFB), Bach-Repertorium, Werkverzeichnisse zur Musikerfamilie Bach, Band II

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Carus, Stuttgart 2012
erschienen in: das Orchester 01/2013 , Seite 65

In Verbindung mit dem seit Ende der 1990er Jahre beim Bach-Archiv Leipzig ange­siedel­ten Forschung­spro­jekt Bach-Reper­to­ri­um hat der Carus-Ver­lag ein ehrgeiziges Pub­lika­tionsvorhaben ges­tartet: In acht Bän­den sollen Werkverze­ich­nisse der Bach-Fam­i­lie veröf­fentlicht und dabei nicht nur die bekan­nten Söhne des Thomaskan­tors berück­sichtigt, son­dern auch dessen Vor­fahren sowie die späteren Gen­er­a­tio­nen ein­be­zo­gen wer­den (lediglich Johann Sebas­t­ian selb­st bleibt aus­ges­part).
Das Arbeits­ge­bi­et erstreckt sich somit vom frühen 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhun­derts und damit über einen Zeitraum, der einen großen Stil­wan­del aufweist und dessen poli­tisch-gesellschaftliche Verän­derun­gen sich nicht zulet­zt in den unter­schiedlichen Schaf­fens­bere­ichen der Kom­pon­is­ten wider­spiegeln; han­delte es sich anfangs noch vor­wiegend um kirch­liche Arbeitsver­hält­nisse, so ver­lagerte sich dies zunehmend auf den weltlichen – d.h. städtis­chen oder höfis­chen – Sek­tor. Das geografis­che Zen­trum bildet zunächst Mit­teldeutsch­land, doch weit­ete sich der Wirkungskreis der Bach-Fam­i­lie schließlich auf Mit­teleu­ropa aus. Jet­zt ist als erste Pub­lika­tion der Rei­he das Werkverze­ich­nis zum ältesten Bach-Sohn, dem „Hal­lis­chen Bach“, erschienen, dessen Schaf­fen sich stilis­tisch an der Wende vom Hochbarock zur Empfind­samkeit bewegt und sog­ar erste Verbindun­gen zur Frühro­man­tik aufweist.
Ein Gesamtüberblick ist nicht nur schwierig, weil die Quellen schon früh zer­streut wor­den sind und die Authen­tiz­ität einiger Werke fraglich ist, son­dern auch wegen ver­schieden­er Kriegsver­luste, von denen sich manche inzwis­chen aber glück­licher­weise als Irrtum her­aus­gestellt haben: In neuester Zeit sind etliche der ver­loren geglaubten Hand­schriften wieder aufge­taucht. Gegenüber nicht ein­mal vierzig Vokalstück­en (darunter lediglich zwei weltliche Ver­to­nun­gen) dominiert mit fast 150 Nach­weisen bei Wil­helm Friede­mann das Instru­men­talschaf­fen, wobei der größte Teilbe­stand (110 Kom­po­si­tio­nen) aus Werken für Klavierin­stru­mente beste­ht (Sonat­en, Konz­erte ohne Begleitung, Fan­tasien, Polon­aisen, Suit­en und kleinere Stücke, Fugen, Choralvor­spiele). Die ver­schiede­nen Gat­tun­gen sind nach Tonarten ange­ord­net, jed­er Satz wird durch ein aus­sagekräftiges Noten­in­cip­it vorgestellt.
Die knapp gehal­te­nen, aber sorgfältig auf­bere­it­eten Kom­mentare gehen (soweit rekon­stru­ier­bar) auf die Werkgeschichte ein, enthal­ten Quel­lenbeschrei­bun­gen, doku­men­tieren rel­e­vante Aus­gaben und sind mit Lit­er­aturhin­weisen ergänzt. Wegen der dafür notwendi­gen äußerst akribis­chen und zeitrauben­den Arbeit wäre die Vor­bere­itung auch nur eines solch kom­plex­en Ban­des eigentlich schon aufwändig genug; immer wieder trifft man bei den Recherchen auf unvorherse­hbare Hin­dernisse, und regelmäßig kön­nen die geset­zten Erschei­n­ung­ster­mine deshalb nicht einge­hal­ten wer­den. Dem Ver­lag ist (nicht zulet­zt in finanzieller Hin­sicht) also ein langer Atem zu wün­schen, und man darf ges­pan­nt sein, wann das ver­di­en­stvolle Unternehmen abgeschlossen wer­den kann.
Georg Günther