Jürgen Schläder (Hg.)

Wie man wird, was man ist

Die Bayerische Staatsoper vor und nach 1945

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel
erschienen in: das Orchester 04/2018 , Seite 59

„Es gibt ein Objekt, an dem kann man die inten­tion­al­is­tis­che Denkweise von Adolf Hitler durchgängig nach­weisen: das ist die Bay­erische Staat­sop­er: das Insti­tut, an dem er kul­turelle Präsenz und Dom­i­nanz durchge­zo­gen hat“ – so umreißt der fed­er­führende The­ater­wis­senschaftler Jür­gen Schläder seine zen­trale Erken­nt­nis aus der fast fün­fjähri­gen Tea­mar­beit an dem nun erschiene­nen Band. Dass Kun­st eben nicht in poli­tik­freier Rein­heit stat­tfind­et, son­dern mit Ästhetik immer Poli­tik betrieben wird, beweist der neue Band ein­dringlich und überzeu­gend.
Damit ist er das kri­tis­che Gegen­stück zu Das geliebte Haus, dem Buch, mit dem der von 1952 bis 1967 nahezu uneingeschränkt anerkan­nte Regis­seur und Inten­dant Rudolf Hart­mann sich von sein­er NS-Kar­riere „reinge­waschen“ hat. Anhand der 44 Insze­nierun­gen aus Hart­manns Münch­n­er Tätigkeit als NS-Operndi­rek­tor und erster Regis­seur zwis­chen 1937 und 1945 wird deut­lich, wie er regime-kon­forme, ja sog­ar NS-Kern­be­griffe ver­her­rlichende Opernkul­tur auf hohem gesan­glichen und musikalis­chen Niveau prak­tizierte. Ab 1952 pflegte Hart­mann dann „werk­treu“ etiket­tierte Repräsen­ta­tion­säs­thetik, in der sich das Münch­n­er Hochkul­tur­pub­likum behaglich ein­richt­en kon­nte. Die dadurch ver­drängten Leis­tun­gen und Mod­ernisierungsim­pulse des Nachkriegsin­ten­dan­ten Georg Hart­mann der Jahre 1947 bis 1952 wer­den endlich gebührend gewürdigt.
Dem Anlass „Feier der Wieder­eröff­nung 1963“, wom­öglich auch der Idee, ein „kün­st­lerisches“ Buch zu machen, entspricht der Auf­bau: erst 100 Seit­en zum neuen Haus, dann die NS-Zeit, die Akteure vor und nach 1945, schließlich die Ästhetik der Jahre 1933 bis 1963. Da wird der fehlende Endlek­tor deut­lich, der Über­schnei­dun­gen und Wieder­hol­un­gen ver­hin­dert hätte.
Schw­er­er wiegt, dass nur die Haup­tak­teure und Solis­ten ana­lytisch beleuchtet wer­den. Das führt zu erfreulich kri­tis­chen Blick­en auf die Her­ren Strauss, Krauss, Siev­ert, Orff, Egk und Knap­perts­busch. Zwar wird kurz auf ukrainis­che und franzö­sis­che Frem­dar­beit­er ver­wiesen, doch zu den mehreren Hun­dert Mit­arbeitern in Chor, Orch­ester, Werk­stät­ten, Tech­nik und Ver­wal­tung des Unternehmens Staat­sop­er fehlt bis auf wenige Sätze alles. Wenn der von Hannes Heer man­i­festierte Begriff „Ver­s­tummte Stim­men“ schon ein­mal genan­nt wird: Vielle­icht hätte sich bei ihm oder einem NS-Ken­ner wie Götz Aly in Partei- und Gew­erkschaft­sarchiv­en die Nach­frage gelohnt. Denn die Opern­häuser Frank­furt, Ham­burg und zulet­zt Stuttgart würdi­gen ihre durch die braunen Kul­tur­bar­baren zum Ver­s­tum­men gebracht­en Kün­stler mit Gedenk­tafeln; in Dres­d­ner und Darm­städter The­atern haben sich NS-Opfer im zweis­tel­li­gen Bere­ich find­en lassen – aus­gerech­net in der Vorzeige-Oper der NS-Haupt­stadt der Kul­tur sollte es nur einen jüdis­chen Solis­ten als Auschwitz-Opfer gegeben haben? Das Warum und Wieso von Münch­ner Akten-Fehlbestän­den hätte ein Kapi­tel ver­di­ent – wie sich die „Haupt­stadt der Bewe­gung“ zur „Welt­stadt mit Herz“ mit ein­er „Oper von Welt­gel­tung“ gesäu­bert hat und so wurde, was sie ist.
Wolf-Dieter Peter