Brüggemann, Axel

Wie Krach zu Musik wird

Die etwas andere Musikgeschichte

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Beltz & Gelberg, Weinheim 2010
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 62

Axel Brügge­mann, umtriebiger Autor, Kul­tur­jour­nal­ist mit Lifestyle-Nähe und „Echo“-preisgekrönt, hat eine Musikgeschichte geschrieben, die sich an Kinder ab zwölf Jahren richtet – zumin­d­est passt zu dieser Ziel­gruppe der erzäh­lende, ein­fach gehal­tene Sprach­duk­tus. Ein Aufk­le­ber mit ein­er Empfehlung von Klas­sik Radio weit­et diese Ziel­gruppe indes aus auf musikhis­torisch unbe­darfte Hör­er.
In sieben Kapiteln bietet das Buch eine Geschichte der Musik vom Urschrei, dem Mama-Inter­vall bis zu Cage oder dem Rap und stellt dabei vielfältige Beziehun­gen zu den Zeit­strö­mungen und Zeit­wand­lun­gen her. Sechs Musik­er aus der Welt der (Klassik-)Stars – von Daniel Baren­boim über Thomas Quasthoff bis hin zu Sting – haben Texte beiges­teuert, plaud­ern anre­gend aus ihren Nähkästchen. Vignetten von Moni­ka Horstmann sind von deko­ra­tiv­er Kindlichkeit, ein Reg­is­ter lässt das Buch in Maßen auch Nach­schlagew­erk sein.
Genug des anfänglich von der Idee des Buchs ein­genomme­nen Präludierens. Fuge! Fuge? Da ist zu lesen: „Im Prinzip ist eine Fuge ganz ein­fach aufge­baut: Es gibt ein The­ma, nach einiger Zeit begin­nt dieses The­ma noch ein­mal und ver­knotet sich mit dem ersten (also ein biss­chen wie in einem Kanon). Es kann auch ein zweites, ganz anderes The­ma fol­gen. Wichtig ist nur, dass bei­de The­men immer wieder ineinan­der ver­schachtelt wer­den.“ Man sollte sich nicht scheuen, diese Def­i­n­i­tion als falsch zu beze­ich­nen, auch wenn man geneigt wäre, mit Blick auf Brügge­manns Leser an „di-dak­tis­che Reduk­tion“ zu denken. Allerd­ings ist man in punk­to „Fehler“ bere­its einges­timmt: Auf Seite 19 meint der Autor, die „1“ beim Dirigie-
ren sei (meist) oben, auf Seite 14, dass sich die Dämpfer heben, „wenn man das linke Ped­al am Klavier tritt“. Oder: „Eine kom­plizierte Weit­er­en­twick­lung der Flöte ist die Oboe. „Hat der Ver­lag eigentlich keinen Fach­lek­tor?
Unge­nauigkeit­en dieser Art sind zahl­los, auch bei his­torischen Sachver­hal­ten. Der „kleine Junge namens Lud­wig“, der Mozart ein­mal besuchte, war der immer­hin schon 17-jährige Beethoven. Dass das Volk­slied Das Wan­dern ist des Müllers Lust, das Schu­bert zum Kun­stlied gemacht haben soll, erst 1844 von einem Carl Friedrich Zöll­ner kom­poniert wurde, ist dem Autor anscheinend nicht bekan­nt. Ein so epochenüber­greifend­es Phänomen wie die Sonaten­haupt­satz­form wird in Brügge­manns Beschrei­bung auf aben­teuer­liche Weise ver­ball­hornt und ihres Sinns entk­lei­det. Nichts lässt da ahnen, was für eine aufre­gende, span­nende Angele­gen­heit so ein Sonaten­haupt­satz doch sein kann. Nicht nur bei solch­er Gele­gen­heit ver­misst man die emphatis­che Begeis­terung für Musik über­haupt, wie sie einem etwa in der mitreißen­den Art der ver­balen Ver­mit­tlung in Leonard Bern­steins Konz­ert für junge Leute noch in der Buch­fas­sung begeg­net.
Brügge­manns Ver­such, sich auf „Augen­höhe“ seinen jun­gen Lesern zu näh­ern, ist löblich. Er erliegt allerd­ings immer wieder der Gefahr, mit dem 13-Jähri­gen iden­tisch zu wer­den. Indem sich der Autor „klein“ macht, verklein­ert sich hier zugle­ich die Kun­st. Und man ist geneigt, Hol­ger Noltzes War­nung (in: Die Leichtigkeit­slüge) vor den „Reduzier­ern“, die
es oft nicht „bess­er wis­sen“, ernst zu nehmen.
Gün­ter Matysi­ak