Richter, Christoph

Wie ein Orchester funktioniert

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Nicolai, Berlin 2007
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 73

Mit ein­er fröh­lich-bun­ten Buch-Veröf­fentlichung feiert das mehrmals umbe­nan­nte Deutsche Sym­phonie-Orch­ester Berlin seinen 60. Geburt­stag. Keine Chronik sollte es sein, die gab es schon zum Fün­fzig­sten, son­dern eher ein Leit­faden durch Geschichte und Gegen­wart des Zusam­men­spiels der Instru­mente, ein Leit­faden zur Begeg­nung mit einem mod­er­nen Sin­fonieorch­ester. Man hofft, dass er über den Anlass hin­aus am Markt bleiben wird.
In 18 Kapiteln wird ver­sucht, dem Phänomen „Orch­ester“ auf die Spur zu kom­men, die Organ­i­sa­tion von allen Seit­en zu beleucht­en und die vielfälti­gen Aktiv­itäten zu schildern, die nötig sind, damit ein Konz­ert stat­tfind­en kann; von den Musik­ern auf dem Podi­um zu den vie­len unent­behrlichen Mitar­beit­ern hin­ter den Kulis­sen – und das am Beispiel des DSO. Warum auch nicht, andere Orch­ester arbeit­en ähn­lich.
Dazu gibt es hüb­sch bebilderte Aus­flüge in die Ver­gan­gen­heit des Orch­ester­spiels, und auch musikalis­che Fra­gen kom­men nicht zu kurz. Einzelne Werke des sym­phonis­chen Reper­toires wer­den näher behan­delt und Son­der­fra­gen erörtert, etwa die bei­den Bedeu­tun­gen des Wortes „Kadenz“ oder Noten­schrift und Par­ti­turen. Das all­ge­mein ver­ständlich und flüs­sig geschriebene Buch wen­det sich an erwach­sene Laien; für Kinder oder Jugendliche ist es zu schwierig, für den Fach­mann bringt es nichts Neues. Dazu fehlt auch ein Sach- und Namen­sreg­is­ter.
Der Autor schreibt oft in der Ich­form: Christoph Richter ist emer­i­tiert­er Pro­fes­sor für Musikpäd­a­gogik an der Uni­ver­sität der Kün­ste Berlin. Das Buch ist grafisch sehr ansprechend viel­far­big gestal­tet und reich illus­tri­ert. Den­noch einige kri­tis­che Anmerkun­gen: Manon Gropius, der „Engel“, dessen Andenken Alban Berg sein Vio­linkonz­ert gewid­met hat, war weit mehr als „Nach­barstochter“. Bach „wech­selte“ nicht ein­fach von Köthen nach Leipzig – nein, er ver­ließ den lib­eralen Hof, weil der junge Fürst eine „Amusa“, eine unmusikalis­che Frau heiratete und es mit der Musik vor­bei war. Die Phil­har­monie in Berlin und das Leipziger Gewand­haus wur­den nicht wieder­eröffnet, son­dern neu gebaut, und ob wohl jed­er weiß, dass „Aix-la-Chapelle“ auf deutsch Aachen heißt?
Den Diri­gen­ten, dessen Auf­gaben ein ganzes Kapi­tel gewid­met ist, als „Tänz­er am Pult“ zu beze­ich­nen, ist allerd­ings eine Ent­gleisung, die wohl kein Kapellmeis­ter unwider­sprochen hin­nehmen würde. In diesem Zusam­men­hang sind aber die Anmerkun­gen von Fer­enc Fric­say zu Kun­st und Handw­erk des Diri­gen­ten sehr lesenswert.
Alles in allem ein kor­rekt recher­chiertes, sym­pa­this­ches Buch; sym­pa­thisch deshalb, weil der Autor bis zur let­zten Seite ver­sucht, seine Leser mit dem eige­nen Enthu­si­as­mus für das klas­sis­che Sin­foniekonz­ert anzusteck­en. Der etwas unge­lenke Titel wäre als Frage ele­gan­ter fomuliert: „Wie funk­tion­iert ein Orch­ester?“
Ursu­la Klein