Raphael, Aksinia (Hg.)

Werkstatt Musiktheater

Walter Felsenstein in Bildern von Clemens Kohl

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel, Berlin 2005
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 80

Kommt dieses Buch nicht viel zu spät? Oder kommt es vielle­icht ger­ade recht? Wal­ter Felsen­stein, fast drei Jahrzehnte Inten­dant der Komis­chen Oper in Berlin, Begrün­der des „real­is­tis­chen Musik­the­aters“, Urgestein der deutschen Opern­regie, starb 1975. Clemens Kohl (1932–1983), pas­sion­iert­er Hob­by­fo­tograf, war seit 1983 Chor­mit­glied an der Komis­chen Oper, als solch­er offiziell „Chor­solist“. Felsen­stein selb­st hat­te diesen Begriff einge­führt, um die Indi­vid­u­al­ität der Chorsänger und ihre Ver­ant­wortlichkeit für die Insze­nierung her­auszustellen. Bei den in Werk­statt Musik­the­ater doku­men­tierten Auf­führungs- und Proben­si­t­u­a­tio­nen gibt es tat­säch­lich kein span­nungslos­es Herum­ste­hen: Wenn es darauf ankommt, hat jed­er Darsteller Span­nung, ste­ht jed­er Akteur in einem szenis­chen Kon­text.
Kohl doku­men­tierte die Arbeit seines The­ater­leit­ers in zahlre­ichen Fotos, die 1975 unter dem Titel Felsen­stein auf der Probe erschienen. Ein weit­eres Buch-Pro­jekt, ein Gedenkband nach Felsen­steins Tod, blieb durch Kohls eige­nen frühen Tod unvol­len­det liegen. 22 Jahre später hat nun Aksinia Raphael, Buchgestal­terin in Berlin, das von Kohl gesam­melte Mate­r­i­al zu ein­er großen Felsen­stein-Hom­mage in Wort und Bild gebün­delt. Ein­geleit­et wird der Band durch ein Geleit­wort von Hans-Jochen Gen­zel, der von 1983 bis 1998 als Chef­dra­maturg der Komis­chen Oper amtierte. Er zeich­net darin ein kom­pak­tes, aber inten­sives Bild von Felsen­steins Per­sön­lichkeit und Arbeitsweise. Es fol­gen sehr lebendi­ge Auf­führungs- und Proben­fo­tos aus elf Pro­duk­tio­nen, Nachrufe und kurze Erin­nerun­gen bedeu­ten­der Musik­er und The­ater­leute und einige betrieb­sin­terne Auf­führungskri­tiken Felsen­steins. Hier zeigt der Büh­nenchef sich großzügig im Lob, uner­bit­tlich in der Kri­tik und immer wieder bere­it, sich als Zuschauer ein­er eige­nen Pro­duk­tion auch von der soundso­viel­ten Reper­toire-Vorstel­lung neu fes­seln und erre­gen zu lassen.
Felsen­stein set­zte Maßstäbe, aber er nahm sich auch die Zeit dafür. „In keinem The­ater der Welt kon­nte soviel pro­biert wer­den.“ (Gen­zel auf S. 23). In der Geschichte des The­aters dürfte es über­haupt nur wenige Büh­nen­leit­er gegeben haben, die neben ihrer admin­is­tra­tiv­en Funk­tion zugle­ich solch eine kün­st­lerische Präsenz zeigten. Bemerkenswert ist seine Wach­heit in den Proben – bis hin ins Vor­ma­chen von Details: Man betra­chte ihn tanzend an der Spitze sein­er Chor­solis­ten in der La Travi­a­ta-Pro­duk­tion von 1976. Mit der für Die Liebe zu den drei Orangen her­aus­gestreck­ten Zunge, die sich beim Darsteller Cullen Maid­en zweimal wiederfind­et, gelan­gen Clemens Kohl charak­ter­is­tis­che optis­che Pointen.
Felsen­stein kämpfte sein­erzeit gegen inhalt­losen Schönge­sang und kuli­nar­ischen Opern­genuss und für eine Bühnen­er­fahrung, die „Musik“ und „The­ater“ gle­icher­maßen ernst nahm und damit die Gat­tung Oper auch dem „nor­malen Bürg­er“ (Gen­zen) zugänglich machte. Inzwis­chen stirbt das tra­di­tionelle Opern­pub­likum aus und mit ihm auch das Bil­dungs­bürg­er­tum, dem die Expo­nen­ten des Regi­ethe­aters seit Jahrzehn­ten in ihren Insze­nierun­gen auf den Leib rück­en wollen. Für die Gegen­wart stellt sich Felsen­steins Auf­gabe wahrschein­lich von Neuem: Wie gewin­nt man ein junges, von Film, Fernse­hen und Com­put­er geprägtes Pub­likum für das musikalis­che The­ater­erleb­nis?
Sich­er nicht durch fortwährende Dekon­struk­tion von ohne­hin immer weniger bekan­nten Tex­ten, wahrschein­lich auch weniger durch das mul­ti­me­di­ale Spek­takel, das auch ander­norts zu haben ist, son­dern am ehesten durch die leib­haftige Inten­sität, mit der Men­schen sin­gend und spie­lend das Geschehen auf der Bühne glaub­haft machen.
Andreas Hauff