Genzmer, Harald

Werke für Kammerorchester

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Thorofon CTH 2537
erschienen in: das Orchester 06/2007 , Seite 80

Kaum ein Kom­pon­ist der neuen Musik ver­fügt über eine ähn­liche stilis­tis­che Band­bre­ite wie der 1909 in Bre­men geborene Har­ald Genzmer. Maßge­blich geprägt hat ihn sein Lehrer Paul Hin­demith. Nach Tätigkeit­en an der Oper in Bres­lau und an der Volksmusikschule Berlin-Neukölln fol­gte Genzmer 1946 einem Ruf als Pro­fes­sor für Kom­po­si­tion an die neu gegrün­dete Freiburg­er Musikhochschule. Bis zu sein­er Pen­sion­ierung 1974 lehrte er in München.
Die Exper­i­men­tier­freudigkeit in seinem Œuvre man­i­festiert sich nicht nur in der Wahl aus­ge­fal­l­en­er Instru­mente wie etwa dem Trau­to­ni­um, für das er gle­ich mehrere Konz­erte mit Orch­ester schrieb. Seine Maxime lautet stets, die Eigen­schaften des jew­eils ver­wen­de­ten Instru­ments ins beste Licht zu rück­en. Dabei lässt sich Genzmer immer von seinen eige­nen Empfind­un­gen leit­en und ord­nete sich niemals aktuellen Stilis­tiken unter, wie etwa dem Seri­al­is­mus und der Zwölfton­musik der 1950er und 1960er Jahre.
Zeug­nis davon gibt die vor­liegende Veröf­fentlichung des Labels Tho­ro­fon, die in Koop­er­a­tion mit dem Bay­erischen Rund­funk ent­standen ist. Im Mit­telpunkt ste­hen Genzmers Werke für Kam­merorch­ester. Neben der zweit­en Sin­fonie für Stre­i­chorch­ester sind auss­chließlich Solokonz­erte zu hören. Das Con­cer­to für Klavier und Stre­i­chorch­ester zeigt vornehm­lich barocke Züge und besticht nicht nur durch aparte Klang­mis­chun­gen, son­dern auch durch intel­li­gente Dialoge in den Soloin­stru­menten, die von Flötistin Andrea Lieberknecht und Oliv­er Triendl am Klavier über­aus fein­füh­lig gespon­nen wer­den. Das Orch­ester überzeugt hier vor allem durch die man­nig­falti­gen Inten­sitäts­grade, mit denen die Begleit­funk­tio­nen aus­gelotet wer­den. Eine Auf­gabe, dem sich das unter der Leitung von Alexan­der Liebre­ich ste­hende und her­vor­ra­gend disponierte Münch­en­er Kam­merorch­ester mit Enthu­si­as­mus und viel Liebe zum kom­pos­i­torischen Detail annimmt. Vir­tu­osität, gegen­sät­zliche Vari­a­tio­nen und häu­fige Tak­twech­sel kennze­ich­nen das im klas­sis­chen Stil kom­ponierte Vio­linkonz­ert. Rain­er Kuss­maul geht seinen Solopart offen­siv an und erzeugt somit ein
inter­es­santes inter­pre­ta­torisches Span­nungs­feld zwis­chen Tem­pera­ment und der notwendi­gen Prise Poe­sie, die es für das zarte The­ma des Andante tran­quil­lo braucht.
François Leleux kom­plet­tiert schließlich die hochkarätige Solis­ten­riege und beweist sich im Kam­merkonz­ert für Oboe und Stre­i­chorch­ester ein­mal mehr als Großmeis­ter der nuancierten Tonge­bung. Mit aus­drucksstark­er Kantabil­ität kommt auch die kom­pos­i­torische Anlage des Soloparts daher, der ger­ade im langsamen Satz höch­ste tech­nis­che Anforderun­gen an den Inter­pre­ten stellt. In der 2. Sin­fonie gelingt dem Münch­n­er Kam­merorch­ester eine aus­geze­ich­nete Bal­ance zwis­chen Handw­erk und Inspi­ra­tion. Der Klangkör­p­er wartet mit Har­monie im Zusam­men­spiel sowie rhyth­mis­ch­er Präzi­sion auf und unter­stre­icht somit noch ein­mal nach­haltig, warum Genzmers Werke im Konz­ertreper­toire unbe­d­ingt größere Beach­tung find­en soll­ten.
San­dra Sinsch