Uhl, Alfred

Wer einsam ist, der hat es gut

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio 60120
erschienen in: das Orchester 04/2006 , Seite 91

Eine lohnende Aus­grabung! Wer ein­sam ist, der hat es gut! ist nicht nur der Titel eines Gedichts von Wil­helm Busch, son­dern auch ein­er danach benan­nten, knapp 70-minüti­gen Kan­tate des Wiener Kom­pon­is­ten Alfred Uhl nach Gedicht­en von Busch, Chris­t­ian Mor­gen­stern und Joachim Ringel­natz. Die Namen der drei beliebten Humoris­ten und der Unter­ti­tel „Heit­ere Kan­tate für Soli, Chor und Orch­ester“ weck­en zunächst die Befürch­tung, man habe es mit ein­er net­ten Harm­losigkeit zu tun. Doch man hätte es ahnen kön­nen: Wien ist nicht die Stadt und der Wiener Alfred Uhl (1909–1992) nicht der Mann dafür.
1927 wurde er an der Wiener Musikakademie Schüler u.a. von Franz Schmidt. 1932 ging er als Barpi­anist und Filmkom­pon­ist in der Schweiz. Nach Öster­re­ich zurück­gekehrt, wurde er 1940 zur deutschen Wehrma­cht einge­zo­gen, in Rus­s­land schw­er ver­let­zt und erhielt nach sein­er Gene­sung 1943 einen Lehrauf­trag für Musik­the­o­rie an der Wiener Musikakademie (der späteren Musikhochschule). 1966 wurde er dort Pro­fes­sor für Kom­po­si­tion; Friedrich Cer­ha, H. K. Gru­ber und Heinz Kra­tochwil gehörten hier zu seinen Schülern. Uhl war 1949 Mit­be­grün­der und dann auch erster Präsi­dent der Öster­re­ichis­chen Gesellschaft für Zeit­genös­sis­che Musik. 1954 bis 1956 ent­stand das Ora­to­ri­um Gil­gamesch.
Offen­bar als heit­eres Gegen­stück dazu schrieb Uhl 1960 Wer ein­sam ist, der hat es gut. Immer wieder klingt aus der Kan­tate ein fast zeit­los­er Buf­fo-Ton­fall, der groteske Bilder und komis­che Sit­u­a­tio­nen ger­adezu vor Augen zaubert und sich dabei auch zahlre­ich­er Anspielun­gen und Stilz­i­tate bedi­ent. Let­ztere wirken am iro­nis­chsten in Noch zwei, wo die bieder-idyl­lis­che Lied-Roman­tik auf das Stich­wort „ungewöhn­lich schwül“ ins ausufer­nd Wag­ner­ische kippt. Das Ein­gangslied mün­det zur abschließen­den Titelzeile in einen Kirchen­choral, dem bei der Reprise am Ende des Zyk­lus noch ein schalkhaftes Orch­ester­nach­spiel fol­gt. Auf der anderen Seite weist die Ton­sprache klar ins 20. Jahrhun­dert. Unter der heit­er-bewegten Ober­fläche ist bere­its in den bei­den Ouvertüren (zu Anfang und nach der Pause) eine ganze Menge Ernst, Dra­matik und Ner­vosität zu spüren. Der Ton­satz ist präg­nant und in Melodik, Rhyth­mik und Far­bigkeit der Instru­men­ta­tion stark am Neok­las­sizis­mus ori­en­tiert; doch es sind auch Volk­slied­haftes, der Wiener Jugend­stil, der franzö­sis­che Impres­sion­is­mus, die Zwölfton­tech­nik und Jazzele­mente inte­gri­ert. Die Schlager­par­o­die Das Gram­mophon mün­det sog­ar in eine Melodie-Über­lagerung nach dem Vor­bild von Charles Ives.
Die Chor­par­tien sind har­monisch reizvoll und klar in der Dekla­ma­tion, die Solopar­tien charak­ter­is­tisch einge­set­zt, die Inter­ak­tion zwis­chen Chor und Soli wirkungsvoll. Ähn­lich wie in Orffs Carmi­na Burana entste­ht eine Art musikalis­ches Weltthe­ater, und es ist ger­ade die Musik, die dem Wort Farbe, Tiefe, Atmo­sphäre und Gegen­wär­tigkeit ver­lei­ht. Der Erfolg bei der Wiener Urauf­führung 1961 und in den Jahren danach dürfte kein Zufall gewe­sen sein. Die aus­geze­ich­nete, eben­so schwungvolle wie hin­ter­gründi­ge Real­i­sa­tion unter Anton Marik wird Werk und Kom­pon­ist hof­fentlich neue Beach­tung ver­schaf­fen.
Andreas Hauff