Wagner-Trenkwitz, Christoph

Wenn sie auch schlecht singen, das macht nichts!”

Versuche über Verdi

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Residenz, St. Pölten 2013
erschienen in: das Orchester 10/2013 , Seite 64

Giuseppe Verdis Ausspruch „Wenn sie auch schlecht sin­gen, das macht nichts!“ als Buchti­tel zu wählen, ist eine nicht ganz unge­fährliche Ver­lagsentschei­dung. Aber Christoph Wag­n­er-Trenkwitz find­et immer wieder Gele­gen­heit, diese Aus­sage in den recht­en kausalen Kon­text zu rück­en. Wag­n­er-Trenkwitz’ Entschluss, über Ver­di zu schreiben (und nicht über Richard Wag­n­er, den anderen Jubi­lar des Jahres 2013), war wiederum eine per­sön­liche Sym­pa­thieentschei­dung. Überdies möchte sich nicht unbe­d­ingt jed­er Pub­lizist – anders als etwa Hol­ger Noltze mit Liebestod – gle­ich bei­den Opern-Gal­lions­fig­uren des 19. Jahrhun­derts geballt wid­men. Wag­n­er-Trenkwitz ist Chef­dra­maturg der Wiener Volk­sop­er. Zuvor arbeit­ete er in gle­ich­er Funk­tion an der Staat­sop­er und set­zte dort auch die vom leg­endären Mar­cel Prawy insti­tu­tion­al­isierten Mati­neen fort. Das merkt man der Pub­lika­tion an, die in ihrer Mis­chung aus pro­fun­der Werkken­nt­nis und eingängiger Rhetorik gle­icher­maßen den Con­nais­seur wie den New­com­er ansprechen dürfte. Das Buch will keine Biografie sein, auch kein penibler Opern­führer, obwohl Werk­be­tra­ch­tun­gen dominieren. Doch es fehlen beispiel­sweise Travi­a­ta und Don Car­lo. Dafür wer­den Ernani und Stiffe­lio berück­sichtigt, wobei diese bei­den Werke mit guten Begrün­dun­gen qual­i­ta­tiv höher eingestuft wer­den als üblicher­weise.
Der Autor lenkt das innere Ohr des Lesers immer wieder auf inno­v­a­tive Kom­po­si­tion­sprinzip­i­en Verdis, welche den Bel­can­to nicht negieren, aber doch kreativ über­winden und dabei die Gren­ze zum Veris­mo dur­chaus streifen. Das Wort-Ton-Ver­hält­nis wird beson­ders inten­siv beleuchtet, da Ver­di ja nicht vorder­gründig schönes, son­dern wahrhaftiges Sin­gen anstrebte. Pars pro toto und beson­ders aus­führlich wird in diesem Zusam­men­hang eine große Szene aus Rigo­let­to analysiert: Begeg­nung mit Spara­fu­cile, gefol­gt vom Monolog (nicht Arie!) des Titel­helden sowie dem Duett Vater/Tochter. Vieles ent­deckt der Autor dem Leser fast neu. Neu sind bei vie­len Werken auch Details zur Stof­fgeschichte, wobei sich die Akri­bie bei Stiffe­lio und Otel­lo schon mal etwas verselb­st­ständigt.
Dass Ver­di auch auf die Textfas­sun­gen sein­er Opern vehe­ment Ein­fluss nahm (obwohl er sich wahrlich nicht als Lit­er­at­en sah) und sog­ar mit szenis­chen Forderun­gen unnachgiebig auf den Plan trat, wird in sep­a­rat­en Kapiteln abge­han­delt, in denen sich die fleißig zusam­menge­tra­ge­nen Zitate zu regel­recht­en „Porträts“ verdicht­en. Das gilt auch für die Schilderung von Verdis poli­tis­chem Engage­ment. Mit Christoph Wag­n­er-Trenkwitz’ klugem Buch wider­fährt Ver­di die Ehre, welche ihm gebührt, aber (ungeachtet sein­er Pop­u­lar­ität) mitunter noch voren­thal­ten wird.

Christoph Zimmermann