Geck, Martin

Wenn Papageno für Elise einen Feuervogel fängt

Kleine Geschichte der Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rowohlt, Berlin 2006
erschienen in: das Orchester 07-08/2006 , Seite 83

Eine Musikgeschichte, die von der archais­chen Zeit bis in die unmit­tel­bare Gegen­wart reicht: Da erwartet man nicht weniger als eine gewichtige, mehrbändi­ge Enzyk­lopädie und ist verblüfft, wenn man stattdessen ein han­dlich­es Buch von nicht ein­mal 200 Seit­en in die Hand bekommt. Nicht abschreck­end gelehrt, son­dern fast ver­spielt kommt diese „Kleine Geschichte der Musik“ daher, wie schon der Titel andeutet: Wenn Papageno für Elise einen Feuer­vo­gel fängt hat der bekann-te Musik­wis­senschaftler Mar­tin Geck seine neueste Buchveröf­fentlichung benan­nt, die, in knap­pen Strichen skizziert, ganz ein­fach Lust auf Musikgeschichte machen soll.
Müßig ist es aufzurech­nen, was alles in Gecks kur­sorischem Streifzug fehlt. Listig legit­imiert der Autor seine selek­tive Vorge­hensweise, indem er auf ein all­bekan­ntes Musik­stück hin­weist: Mus­sorgskys Bilder ein­er Ausstel­lung, die ja auch in einem sub­jek­tiv gefärbten Spazier­gang mit weni­gen aus­gewählten Sta­tio­nen einen Ein­druck von einem viel umfan­gre­icheren Kun­st­be­stand machen. Entsprechende „Bilder ein­er Musikgeschichte“ zeich­net Geck in Worten nach. Dabei ste­hen oft bekan­nte Heroen wie Bach, Mozart, Schu­bert und Wag­n­er im Mit­telpunkt der kurzen Einzelka­pi­tel. Wer das zu betont deutsch find­et, wird auf ein­mal von einem sen­si­blen Debussy-Porträt über­rascht, und eben­so uner­wartet leis­tet der Autor der Frauen­musik­be­we­gung einen kleinen Trib­ut, wenn nicht Robert, son­dern Clara Schu­mann ins Zen­trum eines Abschnitts rückt.
In anderen Teilen des Buchs ste­hen ganze Zeital­ter zur Besich­ti­gung, einzelne Gat­tun­gen oder Epochen­be­griffe wie „Klas­sik“ und „Roman­tik“, und sog­ar poli­tis­che Quer­bezüge wer­den hergestellt, wenn „Frei­heits­gesänge aus dem Vor­märz“ gewürdigt wer­den. Gecks Darstel­lung solch­er Aspek­te kann auch den Ken­ner beza­ubern, ist aber wohl in erster Lin­ie in Hin­blick auf den Lieb­haber geschrieben. Keine Scheu hat der Autor, bekan­nte Anek­doten und Schlag­worte zu zitieren, um den Leser bei sich zuhause abzu­holen. Fachaus­drücke? Ganz ohne gehe es zwar nicht, so Geck, aber der Leser dürfe, wenn er nicht aus Inter­esse nach­schla­gen wolle, ein­fach mal großzügig darüber hin­we­gle­sen.
Plaud­ernd ist der Stil, manch­mal anscheinend vom Hun­dert­sten ins Tausend­ste ger­a­tend, und nicht sel­ten geht es ger­adezu pri­vat zu, wenn Geck eigene Erleb­nisse und Erfahrun­gen ein­bringt und, die eigene „Sinnsuche“ ansprechend, den Leser zum eige­nen Nach­denken motiviert. Dass zwis­chen allem lock­eren Geplaud­er dann doch weit­er­führende Gedanken auf­blitzen, dass Abschwei­fun­gen zur Sache zurück­führen, dass ein unsicht­bar­er rot­er Faden sich durch den Text schlingt, merkt man erst allmäh­lich. Nicht ein­mal auf die zyk­lis­che Idee verzichtet Geck, wenn das ganze Buch sich schließlich run­det: Ist ein­gangs von der mythis­chen Macht der Musik bei den Naturvölk­ern die Rede, so enden die Aus­führun­gen mit einem Aus­flug zu Blues, Rock, Jazz und ihren „schwarzen“ Wurzeln wiederum in einem unmit­tel­baren, kör­per­be­ton­ten Musik­machen.
Ger­hard Dietel