Shchedrin, Rodion

Was man schreibt, ist unantastbar”

Autobiografische Notizen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2009
erschienen in: das Orchester 03/2010 , Seite 62

“Zeich­nen Sie unsere Welt nicht nur schwarz-weiß, meine Herrschaften”, schreibt Rodi­on Shchedrin inmit­ten sein­er soeben erschiene­nen auto­bi­ografis­chen Noti­zen. Der Adres­sat dieser Auf­forderung? Nun ja, es wer­den einige sein: der Leser natür­lich, der nach der Lek­türe dieses Buchs weit davon ent­fer­nt sein wird, nur in zwei Dimen­sio­nen zu denken, aber auch Zeitgenossen, die ihre Sichtweise allzu ein­fach kat­e­gorisiert haben, Kri­tik­er und Musikolo­gen, die einen sim­pli­fizierten Musik-Poli­tik-Kos­mos der Sow­je­tu­nion und Rus­s­lands ent­wor­fen und zu Papi­er gebracht haben, nicht aus­geschlossen…
Denn das, das erfährt man in dem Bericht, der sich span­nend wie ein Roman liest und doch eigentlich ein Tat­sachen­bericht ist, wäre eine Ver­fehlung son­der­gle­ichen. Der erfolggekrönte rus­sis­che Kom­pon­ist und Kün­stler wirft ein Licht auf das Leben von Musik­ern vor und nach dem Tauwet­ter in Osteu­ropa, ohne damit abzurech­nen. Es ist die Geschichte eines Lebens, die erzählt wird, in Beschei­den­heit, aber ohne tiefzustapeln, in ein­er Offen­heit, die alles erhellt, aber nicht angreift, mit ein­er Ironie, die kri­tis­che Sit­u­a­tio­nen durch­wirkt, aber ihnen dadurch eine ver­söhn­lich-heit­ere Wen­dung gibt. Mit anderen Worten: Diese Biografie ist auch eine Geschichtss­chrei­bung der sow­jetisch-rus­sis­chen Musik und Kul­tur­poli­tik der ver­gan­genen rund sechzig Jahre und wirft dabei ihre Schein­wer­fer auf das glob­ale Musik­leben.
Viele bekan­nte Namen kom­men darin vor und erhal­ten durch die Begeg­nun­gen mit Shchedrin Fleisch und Men­schlichkeit. Aram Chatschatur­jan beispiel­weise, den Shchedrin schon als Her­anwach­sender ken­nen lernt, oder Dmitri Schostakow­itsch, Mstis­law Ros­tropow­itsch, Lorin Maazel und Mariss Jan­sons. Sie alle gehören zum bewegten Leben des Rodi­on Shchedrin dazu, begeg­nen ihm auf rus­sis­chem, später inter­na­tionalem Boden zwis­chen Moskau, München, New York und Pitts­burgh. Ihm zu Ehren wer­den Fes­ti­vals ver­anstal­tet, fliegen Inter­pre­ten um die Welt. Ein ganz­er Fun­dus von Kuriositäten, ob sie nun Sit­u­a­tio­nen betr­e­f­fen oder Per­sön­lichkeit­en wie die Diri­gentin Sarah Cald­well, die ihn in der Train­ing­shose unter dem Kit­telk­leid und mit Turn­schuhen an den Füßen empfängt, macht dieses Buch liebens- und lesenswert. Hinzu kommt eine Auswahl reizvoller Fotos, die den Kom­pon­is­ten mit Kom­pon­is­ten- und Kün­stlerkol­le­gen, bei ver­schiede­nen Anlässen, pri­vat und mit sein­er Frau, der Prima­bal­le­ri­na Mai­ja Plis­sezka­ja zeigen. Über­haupt Mai­ja Plis­sezka­ja: Dieses Buch ist auch eine Liebe­serk­lärung an die große Tänz­erin, für die Rodi­on Shchedrin Bal­lettmusiken wie Car­men-Suite, Anna Karen­i­na oder Die Möwe schrieb.
Gibt es eine Essenz dieser Aufze­ich­nun­gen? Ja, gibt es: Rodi­on Shchedrin hat viele Fra­gen gestellt: Was ist ein Kom­pon­ist? Hat es in der Musik der Sow­je­tu­nion Dis­si­den­ten gegeben? Er find­et jedes Mal eine Antwort: manch­mal aus der Logik entwick­elt, manch­mal philosophisch.
Sabine Kreter