Walther – Westhoff – Bach

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ars Produktion ARS 38 126
erschienen in: das Orchester 06/2013 , Seite 72

An Ein­spielun­gen der sechs epochalen Solow­erke für Vio­line von Johann Sebas­t­ian Bach ist wahrlich kein Man­gel. Mit­tler­weile gibt es auch bemerkenswerte Auf­nah­men auf der Barock­vi­o­line. Diese Musik ist jedem Geiger gle­ich­sam heilig. Sie gilt spiel­tech­nisch und fast mehr noch geistig als sin­guläre Her­aus­forderung. Die Einzi­gar­tigkeit dieser Stücke ste­ht außer Frage, doch sind sie wirk­lich wie ein erratis­ch­er Block aus Bachs kom­pos­i­torischem Kos­mos vom Him­mel gefall­en? Offen­sichtlich nicht. Es gibt Vor­bilder, zwar gewiss nicht im Blick auf den über­ra­gen­den kom­pos­i­torischen Rang, wohl aber hin­sichtlich Geigen­tech­nik und Form.
Die aus Mainz stam­mende Geigerin Uta Pape, Mit­glied der Biele­felder Phil­har­moniker und auf vielfältige Weise in der Alte-Musik-Szene aktiv, hat jet­zt in diesem Zusam­men­hang eine sehr schöne und span­nende CD einge­spielt. Zusam­men mit ein­er Gen­er­al­bass­gruppe mit dem Laut­enis­ten Klaus Mad­er, Olaf Reimers auf dem Vio­lon­cel­lo und Wolf-Eckart Diet­rich am Cem­ba­lo verbindet sie, auf ein­er Barock­geige spie­lend, Vio­lin­werke von Johann Jacob Wal­ter und Johann Paul von West­hoff mit Bach – und zwar mit der berühmten Par­ti­ta d‑Moll BWV 1004.
Diese ste­ht am Ende des aufgenom­men Pro­gramms, das zuvor mit Werken der bei­den Meis­ter aus der zweit­en Hälfte des 17. Jahrhun­derts deut­lich macht, wie diese Vio­lin­spiel, Vio­lin­tech­nik und musikalis­che Aus­drucksmöglichkeit­en auf der Vio­line wesentlich for­ten­twick­elt, ja erst in der heute bekan­nten Form begrün­det haben. Auf ihre Inno­va­tio­nen kon­nte dann Bach bei seinen Meis­ter­w­erken auf­bauen. Von West­hoff hat­te schon Jahrzehnte vor Bach Solow­erke für Vio­line kom­poniert, darunter jene auf der CD zu hörende Suite in d‑Moll. Weit­er hat Uta Pape eine Sonate a‑Moll für Vio­line und Gen­er­al­bass von West­hoffs und zwei Stücke aus der Samm­lung Hor­tus Che­li­cus Johann Jacob Walthers für ihre Samm­lung aus­gewählt. Das sind alles fein gear­beit­ete und sehr anmutige Werke, die es ver­di­enen, der Vergessen­heit entris­sen zu wer­den. Sie zu ken­nen, erweit­ert den musikalis­chen Hor­i­zont nicht zulet­zt im Blick auf Bach.
Zusam­men mit der vorzüglichen, weil tech­nisch erstk­las­si­gen und spiel­freudig agieren­den Gen­er­al­bass­gruppe bietet Uta Pape ein tre­f­flich­es Plä­doy­er für die von ihr vor­ge­tra­ge­nen Werke. Ihr Spiel überzeugt durch tech­nis­che Meis­ter­schaft, blühende Lebendigkeit und eine feine, sehr dif­feren­zierte Vor­tragsweise. Sie weiß die Reize der Musik Walthers und West­hoffs aufs Schön­ste zum Klin­gen zu brin­gen. Ihre Inter­pre­ta­tion der Bach’schen d‑Moll-Par­ti­ta überzeugt durch große Klarheit und Präg­nanz sowie einen natür­lichen, inner­lich belebten Fluss. Die Ciac­cona musiziert sie ger­ade dank ein­er schlicht­en und unaf­fek­tierten, von allen Überze­ich­nun­gen freien Art höchst ein­drucksvoll.
Das Book­let bringt sehr aus­führliche und instruk­tive Texte von Uta Pape und der bel­gis­chen Musik­wis­senschaft­lerin Gre­ta Hae­nen. Eine über­aus lohnende und sehr gelun­gene Aufnahme.

Karl Georg Berg