Alfred Stenger
Wagner und Tanz
Spuren des Tänzerischen in den Musikdramen Richard Wagners
Wagners Tanzformen wollen gesucht werden, denn oft zeigen sie sich nur sehr subtil, im Verborgenen. Alfred Stenger begibt sich in seinem kleinen aber sehr konzisen Buch auf Spurensuch. Akribisch und wissenschaftlich korrekt wird er erstaunlich fündig. Stenger unterscheidet sehr differenziert Tanzszenen, eindeutige Tänze, rhythmisch federnde Verläufe, Tanzstrukturen, Tanzgesten, Tanzstimmungen, Tanz als archaische Expression, Tanzgesten, Andeutungen von Tänzen (Walzer, Marsch, Fanfare, Menuett, Polonaise, Gavotte, Sarabande), Tänzerische Fragezeichen, Tanzrelikte, Tanzimpressionen und Tanzspuren etc. „Das Thema Wagner und Tanz ist bisher nur wenig ins allgemeine Bewusstsein gedrungen.“
Alfred Stenger (Musikwissenschaftler, Hochschullehrer und Autor mehrerer beachtlicher Bücher) hat recht. In der Regel hat der Komponist direkte oder formal geschlossene Tanzformen gemieden. Auch in einer neuen Ausgabe des im wagneraffinnen Verlag Königshausen & Neumann erschienenen „Wagnerspectrums“ mit dem Schwerpunkt „Wagner und der Tanz“ vertritt Stenger seine These. Stenger untersucht und vergleicht Mozart, Rossini, Verdi, Puccini, Leoncavallo, Offenbach, Tschaikowsky, Smetana, Mussorgsky, Richard Strauss und Debussy und kommt zu dem Schluss: Die Opern genannter Komponisten „lassen trotz ihrer Unterschiede eine Gemeinsamkeit erkennen: Sie sind stilistisch abgerundet“. Für Wagner jedoch bilden derartige Tanzformen eher Ausnahmen. In den Musikdramen Wagners ist das Tänzerische vorwiegend in größere Zusammenhänge eingebunden, so wird man belehrt. Oft offenbart es sich nur in wenigen Takten.
Stilistische Vielfalt und Mehrdeutigkeit bilden einen faszinierenden musikästhetischen Radius. Stenger entdeckt mehr oder weniger offensichtliche, eindeutige oder versteckte Spuren des Tänzerischen in jedem der dreizehn Bühnenwerke Wagners (Die Feen, Das Liebesverbot, Rienzi, Der fliegende Holländer, Tannhäuser, Lohengrin, Tristan und Isolde, Die Meistersinger von Nürnberg, Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung und Parsifal). Sie sind individuell gestaltet, beleben dramaturgische Prozesse und verfeinern Charaktere der agierenden Personen.
Dem musikästhetischen Unternehmen des Buches gelingt es, eine umgreifende und innovative Spurensuche des Tänzerischen darzulegen, deren Vielfalt gleichermaßen überrascht und fasziniert.
Aufs Ganze gesehen entfaltet sich in Wagners Tanz-Ästhetik das Angedeutete mehr als das Unmittelbare. So erklärt sich auch der Untertitel des Buches „Spuren des Tänzerischen in den Musikdramen Richard Wagners.“
Dieter David Scholz


