Lehmkuhl, Josef

Wagner Stolpersteine

Richard Wagner für Unkundige

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Königshausen & Neumann, Würzburg 2012
erschienen in: das Orchester 01/2013 , Seite 64

Wer ist im Hin­blick auf Richard Wag­n­er unkundig? Und wer ist kundig? „Jet­zt meld, was du weißt, denn etwas musst du doch wis­sen“, fordert Gurne­manz Par­si­fal auf, nach­dem dieser sich in viel­er­lei Hin­sicht als unwis­send ent­pup­pt.
Und etwas über Wag­n­er wer­den sicher­lich alle Leser von Wag­n­er Stolper­steine wis­sen, denn son­st hät­ten sie dieses Buch, das im Unter­ti­tel „Richard Wag­n­er für Unkundi­ge“ heißt, nicht gekauft. Doch wer wollte schon von sich behaupten, alles über ihn zu wis­sen? Selb­st wenn man seine Opern bzw. Musik­dra­men gut ken­nt, dürften die meis­ten the­o­retis­chen Schriften und Unmen­gen von Briefen für viele doch eher Neu­land sein.
Und genau da set­zt der Autor Josef Lehmkuhl an. Er ist von Haus aus eigentlich Chemik­er, ken­nt sich mit Wag­n­er aber bestens aus und hat bere­its mehrere Büch­er über ihn veröf­fentlicht. Den Begriff „Stolper­steine“ ver­ste­ht er als „Türöffn­er“, als „Assozi­a­tionskeime“, mit denen er Wag­n­ers Leben, Ideen und Weltan­schau­un­gen dem Leser näher brin­gen will.
Und das gelingt ihm erstaunlich gut. Als Aufhänger dienen ihm über 80 Zitate aus Wag­n­ers Werken, Briefen und Schriften, die er dann auf jew­eils ein bis zwei Seit­en erläutert und kom­men­tiert. Dabei sind gele­gentlich auch Bezüge zur Gegen­wart augen­zwinkernd einge­baut, wenn z.B. Stolz­ing aus den Meis­tersingern als „allzu forsch auftre­tender Adliger aus Franken mit neuen Ideen alles ändern will“ (was ja offen­sichtlich bis heute ein Wesen­szug von fränkischen Junkern ist). Und an ander­er Stelle ist dann auch von „fränkischen Pla­giat­en“ die Rede. Auch die Deutsche Bank sowie Merkel/Sarkozy bekom­men ihr Fett ab, und Alberichs Ring-Fluch („wer ihn besitzt, den sehre die Sorge“) wird in Verbindung mit dem Euro gebracht. Etwas befremdlich wirkt es allerd­ings, wenn Lehmkuhl meint, den Ring-Fluch allzu philosophisch in einen „Fluch des Daseins über das Sein, das aus dem Nichts kam“ neu tex­tieren zu müssen.
Für ganz „Unkundi­ge“ gibt es auch noch kurze Inhalt­sangaben von Wag­n­ers dreizehn Opern, wobei es dann manch­mal doch recht salopp zuge­ht. „Wag­n­er lässt es im Orch­ester ‚krachen‘“, heißt es über den Hol­län­der-Auftritt, und Tannhäuser ekelt „das katholis­che Getue“ in Rom an. Ärg­er­lich ist, dass in der Tris­tan-Inhalt­sangabe Brangäne kon­se­quent als „Bran­gräne“ falsch geschrieben ist. Oder sollte dies vielle­icht ein Test sein, ob aus dem Unkundi­gen vielle­icht doch schon ein Kundi­ger gewor­den ist?
Nach der recht unter­halt­samen Lek­türe dieses Buchs ist der Musik­lieb­haber in Sachen Wag­n­er dur­chaus etwas „kundi­ger“ gewor­den, ohne sich selb­st durch Wag­n­ers zähe the­o­retis­che Schriften und gewaltige Men­gen von Briefen „durchkämpfen“ zu müssen. Durch geschick­te Auswahl und Kom­men­tierung der Zitate bringt uns Josef Lehmkuhl den Kom­pon­is­ten auf anschauliche Weise näher.
Thomas Lang