Von Mozart bis Messiaen

Bald prangt, den Morgen zu verkünden, Ständchen, Ave Maria u. a.

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ars Musici AM 1405-2
erschienen in: das Orchester 03/2007 , Seite 86

Die Veröffentlichung des MädchenChores Hannover ist ein Konzertmitschnitt anno 2003, mit Ausnahme einer Arie von Luigi Nono. Als instrumentaler Partner stand dem Frauenchor die NDR Radiophilharmonie zur Seite. Der Titel und die Zusammensetzung des Ensembles schüren Erwartungen an außergewöhnliche Literatur von außergewöhnlichen Geistern.
Das Programm spannt frohgemut einen musikhistorischen Rahmen von knapp 200 Jahren, deckt aber lediglich die Zeit von Schubert bis Messiaen mit originärer Literatur für Frauenchor ab. Die jungen Damen aus Hannover meistern ihre Aufgabe mit Bravour und lassen eindrucksvoll aufhorchen, ganz gleich ob bei Messiaens expressivem Sprechgesang oder dem leichtfüßigen Ständchen Schuberts. Dieses hinreißende Gelegenheitswerk erhält durch behutsames Miteinander der Interpreten – Gesangsstimmen und Orchester bzw. Frauenchor und Solistin – unwiderstehlichen Charme und beschwingte Anmut.
Grundsätzlich verzichten die Interpreten auf große Gesten, sondern lassen der Musik ihren Lauf, bleiben dadurch technisch solide und setzen auf den reizvollen Klangcharakter jugendlicher Frauenstimmen. Nach dem braven Ave Maria des jungen Johannes Brahms, einer dick auftragenden doppelchörigen Klangschwelgerei, bleiben die Trois Petites Liturgies Olivier Messiaens auf jeden Fall in Erinnerung. Die Tonsprache Messiaens enthält hier keine komplexen prä-seriellen Strukturen, sondern bleibt tonal. Gekoppelt mit teilweise originellem Instrumentarium und dem anmutigen Klang des MädchenChors entsteht eine exotisch-impressionistische Klangwelt – fesselnd, intensiv und eingängig strukturiert.
Den gleichen Raum wie der Chor nimmt schließlich die junge Sopranistin Anna Wegrzyn in der Produktion ein. In den Reihen des Chors sängerisch geschult empfiehlt sich die gebürtige Britin vor allem mit solider Technik und klanglicher Klarheit. An dieser Stelle, gleich zu Beginn der CD, wird der Bogen „Von Mozart bis Messiaen“ angesetzt, wenn auch eher mit Bekanntem aus der Zauberflöte. Ob die Arie Ch’io mi scordi di te? des begnadeten Klassikers dennoch nicht zuviel des Guten, soll heißen „Solistischen“ sei, hängt davon ab, ob man auf einer CD eines Frauenchors überwiegend Chormusik erwartet oder nicht.
Jedenfalls unterstreicht Wegrzyn spätestens mit Nonos Soloarie – ohne jegliche Begleitung in extremer Lage – ihre talentierte und überzeugende Leistung. Weshalb ihre Vita im Booklet fehlt, die des Chors dagegen gleich zweimal gedruckt wurde (engl. Übersetzung nicht mitgezählt), bleibt unklar. Ein ebenso großes Geheimnis umweht den Dirigenten des aufgezeichneten Konzerts. Zwei Klangkörper, zwei angegebene Dirigenten (Schröfel, Bühl) – kein Hinweis auf die Gesamtleitung.
Als runde Sache kann man die CD kaum bezeichnen, weder inhaltlich (Programm) noch konzeptionell (Präsentation). Dass hier musikalisch aber Eindrucksvolles geleistet wurde, steht außer Frage.
Tobias Gebauer